Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1924)
- Date
- 1924-06-01
- Page
- Seite 213 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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JOSSE? TR LABIB: Dabei werden sie hier mit Tel Chaj und Kfar Geleadi beginnen, und nicht eher ruhn, bis Metulla, Mahanajim und alle Ansiedlungen gesäubert sind. SCHMUEL: Dies alles haben sie dir anvertraut? LABIB: Das nicht. Ich habe es so nebenbei erfahren. SCHMUEL: Hast du was Greifbares, womit du deine Behauptungen erhärten könntest? Man baut kein Haus, ohne vorher einen Grund gelegt zu haben. LABIB: Bin ich denn kein lebendiger Zeuge? Oder willst du mir damit sagen, daß mir nicht zu trauen ist? SCHMUEL: Es kann mir nur recht sein, wenn du die richtige Spürnase hast, Herr Offiziers^ knecht. Hoffentlich wird dir dein Herz angezeigt haben, daß ich von all dem Geschwätz nichts halte, weil es erlogen ist. OFFIZIER: Ei! wozu ereifern Sie sich also? Was hätten wir denn für einen Grund, Ihnen Märchen zu erzählen? SCHMUEL: Wer das zu sagen wüßte, Herr Offizier. Unsereiner ist vom Sonnenaufgang bis zum Untergang vollauf beschäftigt. Wie sollten wir all den geheimen Umtrieben ent* gegenarbeiten können. OFFIZIER: Das ist ja die reinste Verdächtigung, mein Freund. SCHMUEL: Fassen Sies nach Belieben auf. Wir sind gewohnt, zu reden, wie es uns das Herz im Busen eingibt. Seitdem Sie auf dem Plan erschienen sind, hören die Mißverständnisse zwischen uns und unsern Nachbarn nicht auf. Früher war die Lage anders. Wir befanden uns in einem Paradies von Frieden und gegenseitigem Zutrauen. Wie konnte es auch anders sein, wenn auf beiden Seiten der Wille zur Verständigung vorhanden war. Mit hoffnungsbeschwingter Seele haben wir uns vom untere gehenden Abendland hierher geflüchtet. Der Name Araber hatte etwas Zauberisches, Bestrickendes für unser Ohr. War doch unser Geschick so lange Jahrhunderte miteinander verflochten. Unter den Khalifen von Bagdad sowohl, wie unter den maurischen Herrschern von Cordova hatten wir den schönsten Traum unseres Daseins geträumt. War es da zu verwundern, wenn unser Herz aufjauchzte, sobald wir nur den Namen unser Brüder in Abraham vernahmen? Mußte da, bei solcher Innigkeit der Gefühle nicht das herzlichste Verhältnis entstehen? Und dies hätte sicherlich kein so jähes Ende gefunden, wenn . . . OFFIZIER: Nun, warum halten Sie inne? SCHMUEL: Wenn Sie mit Ihren Helfershelfern nicht erschienen wären. OFFIZIER: Ich danke für solche Offenheit. (Steht beleidigt auf.) FARKAS: Du hättest es auch anders — milder sagen können. SCHMUEL: Leider habe ich meine Handschuhe in Europa vergessen. PAUSE OFFIZIER: Es dunkelt mitten am Tage. Auf, Labib, wir müssen rechtzeitig fort. SCHMUEL: Wohl, Sie müssen eilen, wenn Sie nichts abbekommen wollen. Allein solch Unwetter pflegt die Luft zu reinigen, Herr Offizier. OFFIZIER: Auch wenn es nur bei leerem Gepolter bleibt? SCHMUEL: Selbst dann. Wie oft hat ein ein* ziger Blitz das Dunkel so mancher Abgründe aufgedeckt, von denen der Arglose nichts zuvor geahnt? (Es blitzt schwach in der Ferne.) OFFIZIER: Wohl dem, der stets auf der Hut ist. Ich bin Ihnen verbunden, daß Sie mich rechtzeitig daran erinnert haben, Freund. Auf Wiedersehen! ALLE: Leben Sie wohl! (Offizier ab mit seinem Knecht.) 5. AUFTRITT (Die Vorigen ohne den Offizier und Labib.) FARKAS : Jetzt ist der Regenschauer vorbei, nun kann es wieder Frühling werden. SCHMUEL: Draußen aber wirds immer dunkler. ROCHEBETH (kommt mit einer Erfrischung von der Küche): Hier Schmuel, nimm und trink und sei guten Muts. Auch die blutigste Fehde muß ein Ende nehmen. AHARON: Bei uns aber hebt sie erst an. Was hier stattgefunden hat, kam das nicht einer stillen Kriegserklärung gleich? ZUSCHAUER: Gewiß, es war der Handschuh eines Heimtückischen, der seinen Gegner ohne Aufsehen zur Strecke zu bringen wünscht. SCHMUEL: Das heißt, daß ich sein Opfer werde. ZUSCHAUER: Nicht nur du - wir alle. SCHMUEL: Bangt dir davor? In alter Zeit haben unsere Väter Rinder, Schafe und Tauben dem Herrn dargebracht. Seitdem unser Heiligtum in Jerusalem zerstört wurde, sind wir selbst zu Opfer anderer Völker geworden. Nimmt es dich wunder, wenn wir nun unsere letzte Hoffnung davonjagen sehen? FARKAS: Du siehst die Dinge zu schwarz. Ich blicke voller Hoffnung und Erwartung in die Zukunft. SCHMUEL: Willst du der Werbearbeit dieser Giftpilze keine Bedeutung beimessen? FARKAS: Kann seine Wühlarbeit stärker als Gottes Allmacht sein, die ebenfalls am Werke ist? ZUSCHAUER: Gottes Mühlen mahlen langsam. SCHMUEL: Ja, seine Langmut ist so unendlich wie seine Schöpfung selbst. Aber wir Kinder des Staubes können gar oft solche Langmut nicht begreifen, zumal wenn unsere Widersacher uns immer wieder in die Enge treiben. Wer von uns hätte sichs je träumen lassen, daß der junge Schech dieser plötzlichen Sinnesänderung fähig wäre? FARKAS: Gewiß hat er seinen triftigen Grund für diese plötzliche Abkehr. 213