Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1924)
- Date
- 1924-06-01
- Page
- Seite 212 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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JOSSET Th AHARON: Daß unsere Religion letzten Endes aus der Angst vor den obwaltenden Natura kräften entsprungen ist. SCHMUEL: Wer weiß, wo du diesen Wahnwitz aufgeschnappt hast. Verschone uns mit diesem fremden Federschmuck. AHARON: Ich brüste mich ja mit meinen Kennte nissen nicht, ich frage nur, ob es nicht wahr ist. SCHMUEL: Alles was vom Übel stammt, kann nicht wahr sein. Aber es muß immer einen Anschein von Wahrheit haben, um die Menschheit zu übertölpeln. ZUSCHAUER (mit einem Korb voll Weinflaschen): So, zum zweitenmal steig ich nicht in den Keller. Das muß für heute genügen. Es ist der älteste Reschon l'zion Wein. ROCHEBETH (von der Küche aus): Die Flaschen werden vor Trumpeldors Ankunft nicht angerührt. SCHMUEL: Dafür laß mich sorgen! (Die Flaschen werden auf die Tische gesetzt, Farkas setzt sich ans Klavier und spielt eine ungarische Weise vor. Pause, während der Alle zuhören.) 4. AUFTRITT (Fremder Offizier und sein Knecht Labib zu den Vorigen.) OFFIZIER: Guten Tag, ihr Herren. Ah, welche Blumenpracht und dazu die schöne Musik -— störe ich vielleicht ein Fest? SCHMUEL: Nicht im Entferntesten, Herr Offi« zier. Jeder Mann des Friedens ist uns herzlich willkommen. Unser Haus steht allen Gästen weit offen. Belieben Sie Platz zu nehmen. OFFIZIER (setzt sich an den Spieltisch): Ich habe die verführerischen Klänge der Musik gehört, die mich alsbald gefesselt, zumal ich seit Monaten diesen Genuß nicht gehabt habe. ROCHEBETH (tritt mit zwei Limonadenbechern auf): Schalom, Herr Offizier. OFFIZIER: Schalom, schönes Fräulein! Ach, daß ichs immer wieder vergesse, Ihnen diesen heimatlichen Gruß zu bieten. Aber wenn man von Jugend auf. . . SCHMUEL (ihn unterbrechend): Nur keine Ent^ schuldigung. Uns ist jeder Gruß recht, wenn er nur vom Herzen kommt. OFFIZIER (trinkend): Wie fühle ich mich wohl, wenn ich unter ihr Dach komme. SCHMUEL: Freut uns zu hören, Herr Offizier. OFFIZIER: Wenn man sich mit diesem Gesindel abgeben muß, mit diesem Pack von Arabern. MEHRERE: Oh, oh! OFFIZIER: Habe ich denn nicht recht? FARKAS: Was mich betrifft, so habe ich die Meisten unter ihnen als ehrenhafte Leute kennen gelernt. OFFIZIER: Ehrenhafte Leute! (Lacht aus vollem Halse.) Verzeihen Sie, da muß ich lachen. SCHMUEL: Hat der Herr Offizier das Gegen^ teil erfahren? OFFIZIER: Hm. Das ganze Gesindel ist des Teufels, Freund. Leute, die Ihnen schönen, guten Tag bieten und hinterher die Faust ballen, idie — wie Jeab — den verräterischen Kuß auf die Wange drücken, um hinterher den Dolch in Abners Herz zu stoßen. AHARON: Wie? wie? Grenzt das nicht ans Unwahrscheinliche? OFFIZIER: Ja, halten Sie mich für einen Träumer. Ich versichere Sie, daß ich die Wahrheit und nur aus Erfahrung rede. SCHMUEL: Wrir haben aber ganz andere Erfahrungen gemacht. OFFIZIER: Möglich ja, selbstverständlich, weil Sie der Landessprache nicht kundig sind. Fragen Sie meinen Knecht, der aus dem Libanon gebürtig, dem daher kein verstecktes Wort entgehen kann. SCHMUEL: Das ist auch der Rechte, an den Sie uns verweisen. Was weiß denn der, dieser Herr Labib, Ungeheuerliches von seinen arabischen Brüdern? LABIB: Es sind nicht meine Brüder, wenn ich bitten darf. SCHMUEL: Schon gut Labib, was hast du für Neuigkeiten? LABIB: Viel, wenn man die Umstände zu wür^ digen weiß. Dir wirds aber sehr unwahrscheinlich vorkommen, weil du vor allem soviel Böswilligkeit den Nachbarn nicht zumuten kannst, zumal diese ihr wahres Gesicht wohl zu verbergen verstehen. SCHMUEL: Laß uns doch hören, was du weißt. LABIB: Es besteht seit kurzem eine geheime Verschwörung, die sich zum Ziel gesetzt hat, alle Juden der Umgebung entweder zu erschlagen oder aus Haus und Hof zu jagen. SCHMUEL: Hm. Das ist recht bedenklich in der Tat. (Mit einem Anflug von Spott.) MARC CHAGALL SKIZZE 212