Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1924)
- Date
- 1924-06-01
- Page
- Seite 211 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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JOSSET TRI ZUSCHAUER (zum ersten Spieler): Ich kann dich versichern, Freund, daß er sich mit diesem Zug aus der Schlinge herausgearbeitet hat. Nun kannst du getrost eine gute Miene zum bösen Spiele machen. Es wird dir auch nicht schaden, wenn du einen Schluck Wasser auf diese Enttäuschung trinkst. ERSTER SPIELER (mit der Faust auf den Tisch schlagend).- Halt doch das Maul, Müllkutscher. AHARON (zum lesenden Farkas): So sehr vertieft? Welcher Roman hält dich derart in seinem Bann? FARKAS : Du weißt genau, daß ich keine Romane lese. AHARON: Was liesest du denn? FARKAS: Geschichte der Juden von Graetz. AHARON: Dann ist deine Geduld zu bewundern. Das altbackene Zeug habe ich einst als vierzehn* jähriger Junge gelesen. Wie ein Erwachsener dem Werk Geschmack abgewinnen kann, begreife ich nicht. FARKAS: Es ist doch selbstverständlich, daß ein Sadducäer von deiner Art sich nur mit weltumspannenden Gedanken befassen kann, wie zum Beispiel mit der Frage, ob die Ameisen auch ein Leben nach dem Tode führen, und wenn ja, welche Lücke sie dort auszufüllen berufen sind. AHARON: Dir scheint nicht wohl zu Mut zu sein. FARKAS: Wer mit der Katze spielt, muß ihre Pfoten fühlen. AHARON: Ich danke für die Belehrung. (Wendet sich den Spielern zu.) ERSTER SPIELER: Sag, Freund, gibst du mir den Turm nicht zurück? ZWEITER SPIELER: Keineswegs. Hast du mich etwa geschont, als sich dir die Gelegenheit bot, mir zuzusetzen? ZUSCHAUER: Wie glänzend war doch die Stellung des Weiß. Das nenn7 ich meisterhaft, wenn man »Schach« mit »Blindekuh« verwechselt. ERSTER: Wie oft muß ich dich um die Gefälligkeit bitten, den Mund zu halten. ZUSCHAUER: Ereifredich nicht! Dein Stümperspiel bestätigt nur das talmudische Wort, daß nicht jeder Schusterkopf Schach spielen kann. ERSTER (hitzig): Geh weg, sag ich dir. ZUSCHAUER: Und wenn ich doch nicht will? ZWEITER: Die Figuren sind umgeworfen. Ich spiele nicht mehr. ERSTER (den Zweiten haltend): Nur nicht so eilig, Freund. Wir spielen den Gang zu Ende. Die Figuren stell ich dir alle an ihren Ort. ZWEITER: Du bist ja der reine Wüterich. ZUSCHAUER: Ein zweiter Napoleon, der ein großer Feldherr und ein mäßiger Schachspieler war. (Die Umstehenden lachen, während Schmuel aufsteht und das Spiel mit den Worten entfernt): SCHMUEL: Verdammt sei jedes Spiel, das uns entzweien könnte. AHARON: Recht so, Schmuel. Dir gebührt der Nobelpreis für solch friedliche Gesinnung. (Die Umstehenden lachen wieder.) 3. AUFTRITT (Die Vorigen, später Rochebeth) ROCHEBETH (noch hinter der Szene, der Küche entgegengesetzt): Will mir denn niemand helfen, die Sachen in die Küche zu tragen? (Mehrere Anwesenden stürzen der Türe zu.) SCHMUEL: Wo kommst du denn her? Du warst noch eben in der Küche. Was bringst du alles mit? ROCHEBETH (mit Paketen auftretend): Was wir zu einer kleinen Feier nötig haben. SCHMUEL: Ei, sieh doch! Mit welcher Feier willst du uns überraschen? ROCHEBETH: Vor kurzem war ein Freund aus Tel-Chaj mit der Botschaft hier, daß Trumpeldor seine Verlobung drüben gefeiert hat und nun den Abend bei uns verbringen will. VIELE: Trumpeldor verlobt? ROCHEBETH: Mit Sulamith. FARKAS: Dann ist es billig, die Blumen meines Garten zu pflücken. (Ab.) SCHMUEL: Dann mach ich auch Feierabend, ehe Trumpeldor kommt. (Packt ein und schließt den Kasten.) ZWEITER SPIELER (zum Zuschauer): Willst du nicht in den Keller, für die frohe Laune zu sorgen? ZUSCHAUER: Freilich, freilich! Ohne Wein, keine Freude. (Ab.) ROCHEBETH: Helft mir die Tische festlich schmücken! (Geht ab und kommt bald mit Weißzeug zurück, um die Tische zu decken. Andere stellen Kaffeetassen statt der Becher auf.) SCHMUEL: Aharon, was stehst du draußen und starrst den Himmel an? AHARON: Weil etwas seltsames am Himmel vor sich geht. SCHMUEL: Doch wohl nicht eine Mondfinsternis mitten am Tage. AHARON: Etwas Eindrucksvolleres. Komm und sieh die mächtige Gewitterwolke, die vom Norden her im Anzug ist, einem Riesen ähnlich, mit einem gewaltigen Kopf und noch gewaltigeren, ausgestreckten Armen, die den Erdball zu umspannen drohen. (Schmuel geht zur Türe.) SCHMUEL: Wahrhaftig, groß und überwältigend! FARKAS (kehrt mit Blumen zurück): Scheints draußen so gewitterschwül zu sein, so wollen wir unser Obdach mit Frühlingsschmuck erheitern. (Die Umstehenden schmücken die Wände mit Palmzweigen, während Farkas die Blumen auf den Tischen ordnet.) AHARON (zu Schmuel): Weißt du, woran mich der Anblick des Himmels gemahnt? SCHMUEL: Nun woran? AHARON: An die dunkle Vorzeit, da die Menschen keinerlei Naturkenntnis besaßen. Dieses Wolkengebilde hätte ihnen den wildesten Schrecken eingejagt. SCHMUEL: Was willst du damit sagen? 211