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Das Zelt · 1924-06-01 · Heft 6 (Juni 1924) · p. Seite 203

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 6 (Juni 1924)
Date
1924-06-01
Page
Seite 203 (sequence 18)
Language
German
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AUS DEN LIEBESLIEDERN DES JISCHMAEL BEN NESCHER Kehren wir in das Judenviertel zurück. Es wird bald vollends Abend sein. Die Frauen sitzen, von unzähligen Kindern umspielt, in den dunklen Hauseingängen oder längs der Mauern, die kleinen Gärtchen der jüdischen Kaffeehäuser füllen sich, davor verkaufen Händler kleine auf Holzspießchen gesteckte Stückchen Hammel^ und Rinderfleisch, die sie an Ort und Stelle über Holzkohlenfeuer rösten. Trotz der Enge der Gassen und der Fülle der Menschen ist es ruhig, der Jude trinkt auch hier nicht, fester hält ihn Erziehung und Gebrauch als das Gesetz den Muslim. Monsieur Jacques führt mich zum Abendgebet in die Synagoge, deren sich etliche zwanzig im Ghetto befinden. Die Synagogen sind nicht groß, aber freundlich, einige uralt, mit färbigen Kacheln sind die Wände bedeckt. Die Lampen werden angezündet, um mir alles zu zeigen. Jacques zeigt mir einen Brief an den siebzigjährigen Vater, der vor etlichen Jahren nach Jerusalem wanderte, um auf heiliger Erde zu sterben, auch Monsieur Jacques, dann wieder bloß Ja'akub möchte übers Meer ins gelobte Land, von dem er zwischen dem Kupfer und Leder seines Kramladens träumt. Draußen zucken die Blitze und übergießen schwefelgelb die weißen Mauern und die unergründliche Dunkelheit der engen Gassen und Tore. Große schwere Tropfen fallen, eilends kommen die Andächtigen und der Vorbeter hebt an zu Singen. AUS DEN LIEBESLIEDERN DES JISCHMAEL BEN NESCHER VON M. j. BEN GAWRIEL Unruhig verflackert die Lampe auf dem Boden. In deinen Augen sehe ich Feuer aufglimmen, wie Sterne, die über den schwarzen Nachthimmel schweifen, um in das Meer hinter der Erde zu versinken. Nächtelang möchte ich bei dir knien und die dunklen Sterne deiner Augen aufglühen sehen aus dem mystischen Liebesfeuer deines knabenschlanken Körpers. Wir wollen einen Vorhang um uns breiten und die Sterne unseres Innen in ihm einfangen und sie ineinander versenken. Tief wollen wir ineinander versinken. Bis in die erste Geburt der Welt. Die Nächte der brennenden Seele sind den Morgen des Jammers gewichen. Geleert sind die Becher der Zufriedenheit und an die Hufe der Rosse heftet sich Unglück. Ihr Garbenbinderinnen auf den Feldern Galils, ihr schlanken Mädchen aus Jissrael, aus euren Liedern flattert kein Schmetterling in die Wüste des Entsagenden. Die Wolle eurer Schafe deckt nicht den Frierenden, dessen Gebein die Kälte der Hoffnungslosigkeit ergriff. Von euch kann nicht Heil kommen dem Suchenden in der Mitte der Wüste. Vielleicht aber, o ihr schlankschenkeligen Mädchen, könnt ihr mir den rechten Weg weisen in die Oasen des ewigen Friedens, Wenn ihr mir den Weg weist zu Thimna', der beglückenden Fürstin der Oasen. 203

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