Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1924)
- Date
- 1924-06-01
- Page
- Seite 202 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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EIN ABEND IM GHETTO PON TUNIS Den nördlichen Teil der Eingeborenenstadt nimmt das Ghetto ein, geschlossen wohnen hier vielleicht fünfzigtausend Juden, die Meisten in großer Armut,- ich blicke durch ein Fenster in ein Zimmer, das etwas unter dem Niveau der Gasse liegt: mehrere dichtgedrängte Schlafstätten füllen zur Gänze den Raum, abgerissene Kleider liegen herum, das gewohnte Bild des Elends, das man aus tausend Städten kennt,- hier verschwindet die Grenze zwischen Ost und West, Afrika und Europa. Die Juden sind meistens kleine Händler und Handwerker, die ganz Armen hausieren mit allerhand Tand in den Bazaren und kämpfen um die acht oder zehn Franken, die auch der ärmste für sich und die bei den Armen wie immer fast zahlreiche Familie braucht. »Wir Juden«, sagt mein Führer, »haben, Gott sei gepriesen, viele Kinder«. Es begegnen uns Frauen, die gesegneten Leibes sind. Die jüdischen Frauen, soweit sie der älteren Generation angehören, tragen morgenländische Tracht, weiße, weite Hosen aus Leinen und schwarze Jacken dazu, oder über die Hosen bunte, grellgestreifte Tücher geschlungen, das Haar bedeckt ein Tuch, hingegen wird das Abschneiden der Haare bei der Heirat nicht geübt, auch die Männer haben keine Schläfenlodcen. Reichere Frauen tragen insbesondere am Sabbath Gewänder aus glänzender weißer Seide und goldgewirkte Tücher um das schwere, schwarze Haar. Bei den Frauen ist übrigens, da ihre Hautfarbe meist heller ist, die Ähnlichkeit mit den europäischen Juden viel aulfallender als bei den gelblich getönten Männern. Die jüngere Generation beider Geschlechter hat meistens die Tracht der Vorfahren mit europäischer Mode vertauscht. Die Juden sprechen untereinander das gleiche Arabisch wie die Mohammedaner, jedoch benützen sie die jüdische Kursivschrift. Der Gebrauch der »loschan kaudesch« ist wenig verbreitet, obgleich auch hier der Zionismus das Aufleben sonst toten Volkstums bedeutet. Voll Stolz führt mich Monsieur Jacques in das zionistische Vereins^ haus, von dem die weiß=blaue Fahne weht. Zwei dürftige Räume mit einer magern, dem Zufall geschuldeten Bibliothek, an den Wänden Bilder Herzls und Nordaus. Freundlich wird der Jude aus Europa aufgenommen, der Wiener, der Landsmann Herzls, »unser zweiter Moses« nennt ihn Jacques, ist doppelt willkommen. Dann kommen wir zu einem halbfinsteren, verfallenen Schupfen, das Lokal des jüdischen Turnvereins,- stramm zeigen uns die Burschen auf Barren und Redt ihre Künste, ein Anderer bläst aus Leibeskräften, mehr anhaltend als schön, eine nichtendenwollende Fanfare. Auch hier führt der Weg sozialen Aufschwungs aus dem Ghetto heraus, das natürlich seit der französischen Okkupation nicht mehr Zwangswohnstätte ist. Viele Juden sind wohlhabend geworden, die schönsten Geschäfte in der europäischen Stadt gehören ihnen, sie wohnen in den modernen Häusern der geraden breiten Straßen und haben sich auch eine neue Synagoge hier errichtet. Sie haben Villen am Meer, in La Goulette, der Hafenstadt von Tunis, in Hammam el lif, dem eleganten Badeort, entdecke ich eine koschere Schlächterei. Jüdische Schulen, von der Alliance Israelite untere halten, in denen natürlich französisch unterrichtet wird, erleichtern den Aufstieg, selbstverständlich sind auch die höheren Schulen den Juden frei zugänglich. So kommt es, daß fast alle Männer, die Frauen seltener, tadellos in Wort und Schrift die französische Sprache beherrschen. 202