Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1924)
- Date
- 1924-06-01
- Page
- Seite 201 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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- Tunis 3× ep/1048155
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EIN ABEND IM GHETTO VON TUNIS VON LEO 1 <MIT ZEICHNUNGEN Gewitterstimmung, vor dem dunklen Himmel starren weiße Mauern, aus den Ecken der Bazare kriecht die Dunkelheit. Läden werden geschlossen, auch mein einheimischer Führer, Monsieur Jacques, der mich durch die Judenstadt führen will, wird gleich seinen Laden versperren, in dem er Messinggefäße, Lederraschen, Babouches und ähnliche Dinge feilhält. Inzwischen führt er mich zu seinem Nachbar, einem katholischen Maltheser, der gräßliche moderne Bilder, Motive und Volkstypen aus Tunis, für den Gebrauch flüchtiger Touristen verschleißt. Der Maltheser bietet mir kaum seine Ware an, sondern versichert mir, daß er mir inzwischen einige Geheim^ nisse enträtseln will. Er beginnt, mir den Zahlen^ wert des Wortes »schadaj« auseinanderzusetzen. Die Ziffernsumme ergibt 314, die Ludolphische Zahl, Gott ist daher eine Kugel, eine Sphäre, die Unendlichkeit, da der beschränkte Mensch sich nur unter eine Kugel die für ihn unverständliche und unfaßbare Grenzenlosigkeit begreiflich machen kann. Ich weiß nicht, ob diese und andere Grübeleien gerade dem Hirn des Malthesers entsprungen sind oder ob er das alles unverändert der Kaballah entnommen hatte. Ich ksnn ihn darüber nicht mehr befragen, denn mein Freund Jacques ist unterdessen fertig geworden und holt mich ab. Und nun gehts von der kosmischen Weite schnurstradts in die Beengung des Ghettos »gitou«, wie sie es aus^ sprechen. Bazare, äußerlich von den arabischen nicht zu unterscheiden, nehmen uns auf, die Händler und Handwerker sitzen in den gleichen Kostümen wie ihre mohammedanischen Mitbürger, weiße faltige, unter dem Knie abschließende Beinkleider, darüber weite leinene ärmellose Gewänder, oder dunkle, bunteingefaßte Haiks, auf dem Kopf den roten Fez, hier Cechia genannt. <Erst seit etwa vierzig Jahren dürfen auch die Juden den roten Fez tragen,- vor der Okkupation durch die Franzosen war für sie die schwarze Cechia vorgeschrieben und strenge Strafe stand auf der Übertretung des Verbotes.) Vieles hat sich für sie zum Vorteil geändert, der »goi arabe«, wie mein Führer sagt, ist nicht mehr der Herrscher,- Ansätzen zu Pogromen, die nach dem Krieg sich hie und da zeigen wollten, traten die Franzosen sofort entgegen. Ich habe auch den Eindruck, daß die Juden eine kräftige Stütze der VON HET FISCHMANN) Regentschaft sind. Sie sind wie alle Bewohner Tunis vom Militärdienst befreit, aber ich habe in mehr als einer Synagoge eine Ampel für das Seelenlicht gesehen, wo auf dem Silbertäfelchen neben dem Namen stand: »mort pour la France«. So zahlen die berühmten Drückeberger, die die Juden angeblich in allen Ländern sind, mit Blut ihre Dan^= kesschuld. Weiter geht unser Weg, durch enge Gassen, winkliges Gemäuer, halb demolierte Ruinen starren gegen den Himmel, der sich immer mehr verdunkelt, Blitze zud\en auf, der alte Gott der Heerscharen wettert. 201