Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1924)
- Date
- 1924-06-01
- Page
- Seite 200 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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ZWEI FÄSSER WEIN »Und wo ist sie?« erinnerte er sich plötzlich seiner Alten und eine Träne fiel aus seinen Augen ins Glas. »Warum ist sie jetzt nicht da? Bloß sie fehlt mir jetzt! . . . Aber wer weiß, wo sie jetzt ist? ... Im Paradies oder vielleicht noch behüte in der Hölle? . . . Aber warum in der Hölle? Sicher im Paradies! Was hat sie denn auf der Welt Böses getan? . . .« Und er erinnerte sich der Zeit nach der Hochzeit und als er dann die Kest verließ, sein eigener Herr wurde, und wie sie einst frisch und schön war, sie machte sein Haus schön — ach, und was für eine Mamaliga die kochen konnte! Noch heute denkt man daran! Wie man damals mit guten Gesellen zusammensaß, wie der Dampf von der Mamaliga bis zur Deoke aufstieg und der Wein in Strömen floß . . . Und Rebb Izze^Beer ließ ihn jetzt im Alter auch in Strömen fließen und durchlebte dabei oft seine ganze Jugend wieder, die einstigen guten Nächte, und mehr als einmal verlor er Tränen in sein Glas. »So lang meinFäßlein lebt, werde ich auch leben!« tröstete und ermunterte sich Rebb Izze^Beer und wurde munterer und froher. Und noch drei Monate vergingen so. An einem der herbstlichen, nassen und dunklen Tage schaute Rebb Izze^Beer ins Faß hinein und sah voll Entsetzen, daß es hier tagte . . . Er war halbtot vor Schreck, in allen Gliedern wurde es ihm kalt, aber er hob das Faß und es begann wieder lustig durch den Zapfen ins Glas zu laufen, vom Glas in den Mund, und Rebb Izze- Beer erholte sich wieder und wurde guter Dinge. »Ach was, niemand lebt ewig!« sagte er munter zu sich. »Wer sorgt heutzutage für den morgigen Tag, nicht einmal die jungen Leute kümmern sich um Morgen, geschweige ich in meinen Jahren.« Und Rebb Izze^Beer trank weiter. Wenn er ins Faß sah, wo es immer leerer und leerer wurde, dann verließen ihn die Kräfte, und wenn er trank, dann bekam er wieder Kraft. So kämpfte er eine Zeit lang und verlor immer Kräfte und wurde immer schwächer. Und damit es aus, das heißt, in der ganzen Größe des Zapfens ins Glas laufe, legte er am anderen Ende des Fasses einen Ziegel unter und wieder lief es lustig ein paar Tage lang. Dann lagen zwei Ziegel ... Er bemerkte, wie es im Fasse immer leerer und leerer wurde. Mit jedem Tropfen, der fehlte, starb ihm ein Glied ab, aber mit jedem Tropfen, den er trank, erhielt sich noch halbwegs die letzte Kraft. Ein paar Tage darauf sagte er mit schwacher Stimme: »Ich muß einen dritten Ziegel unterlegen. Aber Rebb Izze^Beer legte keinen Ziegel mehr unter. Denn im selben Augenblick als durch den Zapfen der letzte Tropfen aus dem Faß lief, da sagte das Faß etwas wie mit einem furchtbaren Röcheln und einem leisen Quietschen . . . Und dann drang auch ein Geröchel wie im Todeskrampf aus dem zweiten Faß — Rebb Izze-Beer. Bloß ein paar Minuten rangen beide Fässer mit der Todesqual, dann lagen sie beide ohne ein Zeichen von Leben im Keller . . . Und still wurde es im Keller wie auf dem Friedhofe . . . Der einzige Zeuge bei dem Tode der beiden Freunde war das leere Glas, das auf dem Boden an einer feuchten Stelle herumkollerte und auch vor Entsetzen halbtot war. <Aus dem Jiddischen übersetzt von S. B.) Mamaliga: Maispudding. — bentschen: Tischgebet sprechen. — Litwak: Jude aus Litauen. — Ellil, Tischri, Cheschwin: ungef. Aug. bis Okt. — Brindsa: Liptauerkäse. — ,Shjok', , Walach': Tanzweisen. — ,Bojet': Bursch, ledig. — Kest: Eine gewisse Zeit, die das junge Paar bei den Eltern der Frau Lebensunterhalt bekommt. — Frati (rumän.): Bruder. — Schiwwe: erste, siebentägige Trauer. FRITZ GROSS PORTRÄTSTUDIE 200