Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1924)
- Date
- 1924-06-01
- Page
- Seite 199 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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ZWEI 7ASS ER WEIN Geschäft mehr, lebte mit seiner Alten ein stilles, ruhiges Leben. Er betete alle Tage im Beßmeddrisch, aß, schlief, seine Alte behütete ihn und die übrige Zeit verbrachte er bei einem Gläslein Wein ,seiner Sorte'. Mit sechzig Jahren traf Rebb Izze^Beer das erste Mal in seinem Leben ein großes Unglück ~ seine Alte ließ ihn stehen, sie ging in die Ewigkeit hinüber und ließ den Armen unbarmherzig im Alter allein. Ein Unglück bringt das zweite mit — nach der Schiwwe, als er in seinen Keller hinunterstieg, um sich dort in dem Unglück zu trösten, daß ihn die alte Freundin verlassen, da sah er plötzlich voll Entsetzen, daß sein zweiter Freund, sein Faß Wein, ,seine Sorte', die er trank — auch schon dahingegangen war, daß ihn sein letzter Freund auch elend und einsam im Alter zurückgelassen hatte! Seine erste Freundin, das wußte er, war für ewig verschollen, aber seinen zweiten Freund begann er zu suchen und fragte bei allen Weinhändlern seiner Bekanntschaft nach. Aber keine Sorte Wein wollte ihm schmecken, im Alter war er noch launischer als in der Jugend. Die eine Sorte schien schon gut zu sein, aber sie ,ging nicht glatt', die andere Sorte ,ging schon glatt', aber sie ,faßte' nicht an der richtigen Stelle. Mit einem Worte — ,seine Sorte', sein Herz, sein Leben, seine Welt, seinen Trost — er fand sie nicht, trotzdem er schon fast ein halbes Jahr lang suchte, wählte, kostete. Nichts behagte ihm so, wie er es liebte, wie er es sein ganzes Leben zu trinken gewohnt war. In diesem halben Jahr rüdtfe Rebb Izze^Beer ein tüchtiges Stüdt weiter und alterte um zehn Jahre, sein Haar wurde schneeweiß, seine Wangen begannen einzufallen, sein rundes Bäuchlein hing wie ein leerer Sack nach, Arme und Beine waren schlapp. Rebb Izze^Beer begann oft zu ächzen und zu klagen. »Ich fühle schon, ich werde sehr bald sterben, und wovon soll ich denn auch leben? Essen tue ich weniger als ein Kind, schlafen das habe ich ganz aufgehört zu tun, sogar ein wenig Wein, wie ichs gern habe, um mich zu erquicken, das habe ich auch nicht im Alter, nun, wie soll ich essen oder schlafen können, wo soll ich Kraft zum Leben hernehmen? . . . Ein schönes Alter habe ich erlebt! . . . Und ein wenig gutes Leben brauche ich jetzt noch mehr als immer, aber wo nehme ichs her, dies bissei Leben? . . . Ach, wo kriege ich ein Fäßlein Wein her, daß es mir so schmeckt, wie ichs gern habe?! Daß ich nicht lache — gibt es denn heutzutage solchen Wein wie früher? Die Leute haben angefangen, die Weintrauben mit Maschinen und Federwerk zu zerquetschen. Und dann, wo wachsen denn heute überhaupt solche Weintrauben wie früher! . . . Alles ist hin, weg ist die Kuh und der Strick dazu! . . . Wo sind die früheren Zeiten . . .« V. ZWEI FÄSSER WEIN Wie durch ein Wunder geschah es, daß man Rebb Izze^Beer ein Faß Wein anbot, in dem er, zu jedermanns Erstaunen, seine Sorte entdeckte. ,Sie ging glatt', ,faßte am richtigen Orte' und so fort, alle Vorzüge, die Rebb Izze=Beer liebte. Und wie es seit jeher seine Art war, tat er auch jetzt vor Jedermann stolz, die neue Sorte sei viel besser als alle Sorten, die er sein ganzes Leben getrunken hatte, ein Fäßlein, wie er es jetzt gekauft, werde man nirgends finden, soviel man auch suchen und sieben würde. Als er das erste Glas seiner neuen Sorte austrank, wurde er so froh wie ein Säugling an der Mutter, die er den ganzen Tag nicht gesehen und um die er so viel geweint hat. Freudentränen traten in seine Augen, genau so wie bei einem kleinen Kinde, das dabei plötzlich zu lachen beginnt. Ehrfurchtsvoll stellte er das neue Faß in seinen Keller hinunter und wies ihm einen Ehrenplatz an der besten Stelle an, untersuchte es gut, damit es bewahre. nicht ausrönne und begann das Faß wie seinen Augapfel zu behüten. Das Faß ersetzte ihm jetzt die beiden Freunde, die er in diesem Jahre verloren hatte und kein Tag war da, an dem er nicht ein paar Stunden neben seinem neuen guten Freunde gesessen wäre — vom Faß ins Glas gezapft, vom Glas in den Mund getan und dabei wie mit einem alten Freunde gesprochen hätte, gerade als lebte seine Alte noch und er spräche mit ihr. Mit jedem Tage fühlte Rebb Izze^Beer mehr, wie ihm frische Kräfte und neues Leben zuströmten, wie er jünger würde. Er schlürfte langsam, ruhig, bedächtig aus dem Glase, und seine alten, erstarrten Glieder wurden warm, die Augen funkelten und in der Erinnerung an das Einst erlebte er neben seinem Faß seine ganze Jugend wieder. Da zog vor seinen Augen die schöne Sommernacht bei seiner Kalejba vorbei, als er seinen kleinen, armen Weingarten hütete, in dem sein ganzes Vermögen steckte, das im ganzen aus ein paar hundert Rubeln bestand, als er in der Stille der Nacht den Herrgott bat, keinen Regen zu schicken. Gott hatte Izze-Beerali erhört und er hatte zum ersten Mal viel Geld verdient. 199