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Das Zelt · 1924-06-01 · Heft 6 (Juni 1924) · p. Seite 198

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Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 6 (Juni 1924)
Date
1924-06-01
Page
Seite 198 (sequence 13)
Language
German
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ZWEI "FÄSSER WEIN selbst zu sagen, daß er in seinem Leben alles erreicht habe, was er wollte. Und er hatte auch wirklich alles erreicht, was ein Bessarabier vom Leben verlangen kann. Er aß und trank immer seinen Wein dazu, geschweige gar mit Kumpanen und guten Gesellen zusammen — kann es ein glücklicheres Leben geben?! Rebb Izze-Beer liebte es all seine Jahre, seine Aussprüche zu tun: »Von wahrem Wein wird man niemals trunken. Wenn der Mensch viel Wein trinkt, dann beginnt er seine eigenen Hände und Füße zu fühlen, und was für ein Mensch ist man denn, was für ein Jammerleben ist es denn, wenn man Hände und Füße hat und nicht fühlt, daß man sie hat?« Ungeachtet dessen, daß sich in seinem Keller viele Sorten Wein befanden, liebte es Rebb Izze-Beer, nur von ,seiner Sorte7 zu trinken. Wenn die Lieblingssorte im Faß zur Neige ging, dauerte es immer lange Zeit, bis er sich eine neue Sorte ausgewählt hatte, die ihm völlig zusagte. In dieser Sache war er eigenartig, launisch und furchtbar wählerisch. Am besten Wein, den andere Kenner für herrlich und gepfeffert7 erklärten, fand Rebb Izze= Beer achtzehn Fehler und wenn sie ihn erstaunt fragten: »Aber, aber, Rebb Izze-Beer! Was sagt Ihr da! Was wollt Ihr! Der Wein da soll schlecht sein?! Wir sind Gottlob auch beim Wein geboren und sagen Euch, daß es gar keinen besseren gibt, er steht fünf Rubel der Eimer auf dem ,Ort' und die Händler reißen sich um ihn!« »Kann sein,« pflegte er dann zu antworten, »die Sorte ist gut zum Handel und Verkauf, man kann sie sogar Gästen vorsetzen, aber zum Trinken für mich paßt sie nicht.« Um Rebb Izze-Beer zu gefallen, mußte der Wein nicht gut oder teuer sein, sondern mußte »Glück haben« — Rebb Izze-Beer liebte es, wenn das Gläslein Wein, daß er trank, ihn nicht an der Zungenspitze ,faßte', wie es die Kenner lieben, sondern an der Mitte der Zunge, die Kehle sollte er auch ein bißchen Gefühlen7 und ,sich wie Sahne aufs Herz legen7. Wenn Rebb Izze-Beer einmal in zwei Jahren ,sein' Wein ausging, dann erkannte es Jeder an seinem Gesicht. Je länger es dauerte, bis er sich ,seine Sorte7 zugelegt hatte, um so schlechter sah er aus, die Augen verloren ihren Glanz, die Wangen fielen ein, der Nacken war nicht mehr so rot wie immer und hatte mehr Falten, Arme und Beine schlappten nach, sein ewiger Frohsinn schwand, er redete fast nichts und beklagte sich bloß, daß ihm jedes Glied weh täte, daß er nicht schlafe, nicht esse, nicht trinke. Diese Veränderung war nicht nur zu bemerken, wenn er ohne ,seine Sorte7 blieb, sondern trat sofort ein, wenn er bemerkte, daß es in ,seinem Faß7 schon tagte,- denn er wußte wohl, wie schwer und bitter er es haben würde, bis er sich zu einer Sorte durchfände, die ihm so schmeckte, wie er es liebte. So schlecht und unglücklich er aussah, wenn es fehlte, so gut sah er aus, wenn er sich ein neues Faß nach seinem Geschmack auserwählt hatte. Er sprach mit jedermann darüber und rühmte vor seiner Familie und seinen Bekannten, daß die neue Sorte besser als alle anderen wäre, die er in seinem Leben getrunken habe. Selig war Rebb Izze-Beer, wenn der, dem er ,seine Sorte7 kosten ließ, ihm zustimmte: »Es ist wirklich eine gute Sorte.« »Warum sagst du so einfach von der Leber weg, daß das ein guter Wein ist?« fuhr Rebb Izze=Beer dann freudig auf den Andern los. »Natürlich, ist er denn vielleicht schlecht? Es ist wirklich ein gutes, gesundes Gläslein Wein!« »Nein, Frati, ich sehe, daß du nicht weißt und nicht fühlst, was du trinkst.« »Was sprecht ihr, Rebb Izze=Beer! Bin ich denn kein Bessarabier Kind und habe ich vielleicht keinen Wein getrunken?« tat der Andere gekränkt. »Nein, das sage ich ja nicht. Du bist just ein größerer Kenner als alle unsere hiesigen Händler, aber ein solches Gläslein Wein trinkst du heute zum ersten Mal, gibs zu, schäm dich nicht, da schau nur zu, was du trinkst.« Und Rebb Izze-Beer wies dabei mit seinem Finger der Rechten auf den Rest, den der Andere im Glas hielt. »Koste noch einmal, ja, er bittet selber, daß man ihn kostet, koste, koste, dann wirst du was hören . . .« ließ Rebb Izze-Beer den Andern nicht lodter, wies wieder mit dem Finger auf das Glas, schloß dabei ein Auge und lauschte mit beiden Ohren auf etwas, so wie Einer auf fürchterliche Geheimnisse lauscht, wo das ganze Leben davon abhängt, daß man sie wisse. Und der arme Kerl mußte zugestehen, daß er wirklich zum ersten Mal in seinem Leben eine so seltene, kostbare Sorte Wein trinke und machte Rebb Izze-Beer damit glüddich und erwarb sich ihn zum ewigen Freunde. IV. IM ALTER So lebte Rebb Izze-Beer bis ins Alter. Er hatte schon alle seine Kinder verheiratet, führte kein 198

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