Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1924)
- Date
- 1924-06-01
- Page
- Seite 197 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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ZWEI TÄSSER WEIN den Himmel. Man erinnert sich an den großen Gott und seine großen Wunder, an seine schöne, helle, frohe Welt . . . Man fliegt . . . man fliegt . . . man ist ihm schon nahe . . . Man sieht, wie alle seine Engel, mit vollgefüllten Bechern Wein in den Händen, den stillen, süßen, herzbewegenden ,Shjok' oder , Walach' singen. Izze=Beerali erwachte aus dem bessarabischen süßen Traum und lag neben seiner Kalejba, die eben aufgegangene Sonne sah ihm schon voll in die Augen und Izze^Beerali stand auf. Von den Weinblättern tropften brillantene Tautränen und er stützte weiter mit Stöcken, die Ranken, die über Nacht die Köpfe zur Erde gebeugt hatten und sie blickten und bespiegelten sich wie die anderen Glücklichen in der Morgensonne. Und Izze=Beerali hörte nicht auf, an den süßen Traum der heutigen Nacht zu denken und sprach fortwährend zu sich: »Ach . . . mein eigener Herr! . . . Was habe ich von meiner ganzen Arbeit und für wen radiere ich mich?... Pfui, ich habe es schon satt, ein;Bojet' zusein.« III. HAUSHERR MIT EINEM WEINKELLER Bei dieser Lese verdiente Izze=Beerali mehr als er erwartet hatte. Er besaß jetzt schon Sechshundert. Man begann noch eifriger, ihm anständige Heiraten vorzuschlagen, er wurde auch im gleichen Jahre glüddicher Bräutigam und heiratete ein einfaches, schönes, gesundes Mädchen, das auch das Rackern gewohnt war. Sie konnte gut kochen und waschen, das Haus rein aufräumen, ausgezeichnet stricken und nähen. Außerdem bekam Izze=Beerali zu ihr noch tausend Rubel Mitgift und ein paar Jahre Kest zu. Während sie zu Kest waren, behütete ihn sein junges Weib wie den Augapfel, sein Bäuchlein begann größer, runder und schöner zu werden, die Wangen röter, der Bart dichter und Schulter und Nacken breiter und fetter, wie es einem anständigen bessarabischen Eidam ziemt, der in eine bessarabische Goldgrube gefallen ist. Handel trieb Izze=Beerali so wie vorher, aber in größerem Umfang und sein Vermögen wuchs mit jedem Tage. Aber nicht das war Izze^Beeralis Ziel. Er hatte geheiratet: Gewiß, recht schön! Es ging ihm Gottlob gut, er lebte mit seiner Frau sehr gut, alles war ja gut und schön — aber es war nicht das bessarabische Hausherrenleben, an das er immer gedacht hatte! Er hatte nicht seinen Keller Wein — er war also kein eigener Herr. Freilich stand ihm der Keller seines Schwiegervaters offen, er trank aber nicht aus seinem Faß — es schmedtte nicht so wie vom Eigenen, er war bloß ein Kest^Eidam. Ganze fünf Jahre lang quälte sich der arme Teufel so bei seinem Schwiegervater und im sechsten Jahr wurde er mit Gottes Kraft sein eigener Herr, mit ein paar Tausend Rubeln Kapital und mit ein paar Kindern. Herr wurde er über ein eigenes, gekauftes Haus von drei Zimmern und einer Küche, dazu einem Platz und einem großen Keller, der sich unter dem ganzen Haus und dem Platz erstreckte. Von diesem Tage an hörte man in der Stadt auf, seinen Namen zu verkleinern. Man nahm ihm das ,ali' fort und stellte ein ,Rebb' davor und begann ihn Rebb Izze- Beer zu nennen. Als Rebb Izze=Beer die Kest verließ und selbständig wurde, begann er auf allen Seiten zu wachsen. Sein Kapital und sein Bäuchlein wuchsen, seine Frau wuchs in die Breite, seine Kinder wuchsen auch heran und noch mehr als alles wuchs sein Weinkeller. Und wirklich, Rebb Izze=Beers Keller war im ganzen Städtlein berühmt, er besaß da ,Söhne', ,Enkel',,Urenkel' und auch ein paar Fässer Heurigen. Viele, viele glückliche Nächte verbrachte er so, wie er es sich einst in der Jugend vorgestellt hatte, als er neben der Kalejba seinen kleinen Weingarten bewachte. Und nicht bloß die Nächte — sein ganzes Leben verbrachte er in solchem Glück. Er pflegte EUGEN ZAK TUSCHZEICHNUNG 197