Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1924)
- Date
- 1924-06-01
- Page
- Seite 196 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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ZWEI TASS ER WEIN Hierauf ging er zu seiner Kalejba, seiner mit Stöcken gestützten, mit einer Matte und grünen Blättern gedeckten Hütte. In dieser Kalejba schlief er bei Nacht und hatte Schutz gegen Regen. Fast jede Nacht vor dem Schlafen legte er neben seiner Sommerwohnung ein kleines Feuer an und kochte sich Mamaliga. Er rührte die Mamaliga während der ganzen Zeit des Kochens, bis sie fertig war, dann blies er, damit sie sich ein wenig abkühle, aß und blies. Dann trank er Wein aus einer großen, bauchigen, irdenen Flasche, die immer neben ihm bereitstand. Da das Wetter schön war, legte er sich unter freiem Himmel neben seine Kalejba schlafen. Er konnte aber noch nicht schlafen, er lag bloß und rauchte eine gewidtelte Zigarette. Die schöne Nacht und die gesunde freie Luft ließen keinen Schlaf zu, man war so voll Sehnen . . . voll Sehnen . . . »Wenn es nicht regnen wird«, phantasierte Izze^ Beerali auf seinem Lager wieder, »dann werde ich von der heurigen Lese zu vierhundert Rubeln kommen können, und wenn Gott es will, vielleicht gar zu ganzen fünf. Aber was kommt dann? Die frohe Zeit wird vorübergehen, die drei Monate Ellil, Tischri und Cheschwin, wenn die Trauben reif werden, der Wein gekeltert und verkauft und Geld verdient wird. Aber dann fängt ein so langer, trauriger Winter mit langen Nächten an, daß man vor Trauer verrückt werden kann, das Leben wird Einem überdrüssig . . . Ach, wenn Gott mir hülfe, daß ich selbständig würde! . . . Ach, wie ich einen eigenen Herrn beneide! ... Er hat sein Haus und seine Hausfrau, seinen Keller, in den er ein überflüssiges Fäßlein Wein hineinstellt und noch dazu was für einen Wein! Alten und neuen, allerlei roten und weißen! Und wenn die Arbeitszeit vorbei ist, wenn man die paar Gilden von denen hat, die aus der ganzen Welt zusammenlaufen, um unsern Wein zu kaufen, wenn man dann von der Arbeit freier ist, beginnt erst ein richtiges Leben für einen selbständigen Mann, man rollt sich zwei, drei Fäß^ lein zu /Wimorosik' heraus, macht sich einen ,Enker, einen ,Urenkel', was das Herz nur haben will, es ist einfach eine Wonne, in seinen eigenen Keller hinunter^ zugehen, man kostet hier und dort, von da, von dem, von jenem, von dem großen Faß, von dem kleinen Faß, man trägt eine Flasche ins Haus hinauf . . . fünf Flaschen . . . fünfzehn Flaschen . . . Man trinkt, Frau und Kinder trinken, Gäste trinken, im Haus wird es warm, die Winternächte sind lang, die Frau bringt Mamaliga mit Butter und Brindsa . . . Die Mamaliga rutscht wie auf einer guten Schlittenbahn in den Schlund hinein — und EUGEN ZAK STUDIE der Wein?! . . . Der Wein strömt und strömt . . . Er faßt an der richtigen Stelle . . . man hört ihn . . . Man fängt an, zu fühlen, daß man Arme und Beine hat. . . Jedes Glied beginnt sich langsam zu bewegen . . . immer stärker . . . Man spürt, wie sich auch die Füße zu bewegen beginnen . . . immer beweglicher . . . Genau so wie sich der Zug auf unserem Bahnhof hinaus in Bewegung setzt. . . er führt tagtäglich Waggons von unserem Wein — von unserem Leben, von uns fort in die Welt hinein! . . . Unter der Nase beginnt sich ein weh^= mütiger, aber stiller, süßer ,Shjok' oder ,Walach' zu wiegen, ich höre, wie die Gäste beim Tanzen rufen: »Fester . . . munterer! Beine! ... So ein Weinderl wie bei Izze-Beerali gibt es in ganz Bessarabien nicht mehr, so eine Mamaliga, wie Izze=Beeralis Frau sie kocht, kocht man in der ganzen Moldau nicht mehr! Fester! Munterer! . . .« Das Herz schwillt, wenn man solche Worte hört und auf das frohe Herz strömt der bessarabische Wein noch besser und glatter, es wird Einem noch wärmer in allen Gliedern — vom vielen Weintrinken schlummert man gar süß ein und hört dann im süßen Schlummer eine schöne Musik vor den Ohren, man fliegt in der Höhe, höher als alle buschigen Berge und grünen Bäume, höher, bis in 196