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Das Zelt · 1924-06-01 · Heft 6 (Juni 1924) · p. Seite 195

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 6 (Juni 1924)
Date
1924-06-01
Page
Seite 195 (sequence 10)
Language
German
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ZWEI "FÄSSER WEIN sobald er nur auf den Beinlein stand, war er nicht mehr das Jüngste . . . Sie war wieder damit beschäftigt, Kapaune in den Käfig zu setzen, daß sie bis zum Wochenbett redit fett würden, oder sie stand am Ofen, buk ,Buttergebädc' und hängte es dann in Leinwandsädten reihweise an die Ded\e, daß es, bis zum nächsten Kindbett gut trodvnete und im Munde schmelze. Peßje^Goldes Wochenbetten mit ihren fetten Kapaunen und Buttergebäck waren im Städtlein berühmt. Jahre danach, als Peßje^Golde eine alte Frau geworden war, pflegte man zu erzählen, sie verdanke es ihren einstigen Wochenbetten, daß sie heute im Alter unbeschrieen so gesund war. Sie pflegte immer die heutigen kranken Frauen auszulachen, die an diesen Sachen herumdokterten. ,Früher gab es bei den Frauen gar keine so sonderbaren Krankheiten mit so sonderbaren Namen', sagte sie. Kinderkriegen war bei Peßje=Golde eine Spielerei, sie gab, wie man sagt, das Kind von sich und dann aß sie Kapaune und Buttergebädt und schlürfte fette Suppen. Die Kinder wuchsen ihr von selbst, so wie Unkraut. Wenn ein Kind etwas mit dem Bäuchlein zu tun bekam, so gab sie ihm Wein zu trinken, tat ihm der Kopf weh — auch Wein, tat ihm ein Finger weh — wieder Wein, Ja selbst wenn ein Kind einfach heulte, besänftigte sie es bloß mit Wein. Zur Zeit der Traubenreife wurden alle Krankheiten mit Trauben geheilt. Mit einem Worte, mit Wein und Weintrauben fing es an und mit Wein und Weintrauben hörte es auf, mit Wein und Weintrauben werden alle bessarabischen Kinder erzogen, mit Wein und Weintrauben wuchs auch unser Beerali auf. Mit acht Jahren kannte Izze^Beerali schon alle Moldauer, mit denen sein Vater Handel trieb, das heißt die Moldauer, die Weinberge und Tabakpflanzungen in der Umgebung des Städtleins besaßen, wo seine Eltern wohnten und Handel trieben. Mit zehn Jahren sprang er schon in den Bergen und Tälern herum, wo die Weintrauben wuchsen. Mit vierzehn Jahren kelterte er schon Wein und bekam bis zu fünf Gilden fürs Faß. Mit sechzehn Jahren verstand er es schon, auf den Pflanzungen den Tabak zu bündeln. Bei dieser Arbeit verdiente er schon mehr Geld. Mit neunzehn Jahren lehrte ihn ein verirrter, verschlagener Litwak für ,eine Mamaliga' und ein Fäßlein bessarabischen Weines mit Mühe Beten und Izze=Beerali hieß jetzt ein vollkommener Mensch und in diesem Jahre begann man auch schon, ihm Heiraten vorzuschlagen. Und warum auch nicht? Izze^Beerali war außer der Kleinheit seines Wuchses ein netter Mensch, hatte ein rundes Gesicht, volle Wangen, breite Schultern, dichtes Haar, ein schönes rundes Bäuche lein fing zu gedeihen an, der Bart hatte noch ein Jahr vorher zu sprießen begonnen, an die zweihundert Rubel hatte er auch von seiner eigenen Arbeit gesammelt, er konnte sie rollen lassen und zählen . . . Heiraten, selbständig werden, das heißt Herr über ein paar eigene Fäßlein Wein und eine eigene Mamaliga, war Izze=Beeralis sehnlicher Wunsch, er konnte es gar nicht aushalten, wenn er daran dachte. Und Izze^Beerali liebte es sehr viel nachzudenken! II. TRÄUME UNTER WEINTRAUBEN Mit dem Monat Ellil beginnt man, Schoifer zu blasen . . . Selbst der Fisch im Wasser fängt zu zittern an . . . Jeder erinnert sich an seine Sünden im ganzen Jahr und jeder will sich in dem gewaltigen Monat reinigen. Alt und Jung, Männer und Frauen, Kind und Kegel und was nur Beine hat, läuft vor Tagesanbruch, am Morgen und am Abend zum Beten und Flehen in die Synagoge . . . Dies sieht man in anderen jüdischen Städten. Für die Bessarabier aber ist der Ellil die beste Zeit des ganzen Jahres, in dieser Zeit sind in Bessarabien die schönsten Nächte des ganzen Sommers. In den schönen Nächten bewachte Izze^Beerali seinen kleinen Weinberg wie seine Augäpfel, er aß, schlief und lebte dort, weil er sein ganzes Leben in den Weingarten gesteckt hatte — ein halbes Jahr schwerer Arbeit, dazu sein ganzes Vermögen, sein ganzes Kapital, das aus zwei* hundert Rubeln bestand, die er sich so schwer und bitter in allen seinen Jahren zusammengerackert hatte. Der silberne Mond lustwandelte jetzt auf dem schönen, klaren Himmel und übergoß Berge, Hügel und Täler mit Schatten. Izze=Beerali kroch auch wie ein Schatten unter den niedrigen Weinstöcken herum, die sich unter Last der schweren Zweige voll praller Weintrauben noch tiefer zur Erde bückten, schnitt mit dem Messer ein kleines Zweiglein ab und kostete. »Noch zehn, fünfzehn Tage, dann wird man anfangen können, zu keltern«, redete er zu sich selbst, kostete ein paar Beeren und schmatzte mit den Lippen. »Geb Gott, daß wir schönes Wetter haben, daß es nicht regnet, damit sich die Trauben nicht spalten, damit sie nicht vom Regen wässrig werden, der Ertrag ist Gottlob gut, es darf nur nicht regnen«, flehte Izze-Beerali und starrte glotzend zu Gott im Himmel hinauf und ging an eine andere Stelle, um die Trauben zu kosten und dachte wieder zum tausend^ sten Mal dasselbe: »Gott gebe schönes Wetter ohne jeden Regen!« 195

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