Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1924)
- Date
- 1924-06-01
- Page
- Seite 194 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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ZWEI "FÄSSER WEIN man bei Cezanne sagen kann, er habe von Tintoretto gelernt. Aber der Idealist feiert die Feste wie sie fallen, er zwingt sich nicht, und wenn Urväter und Väter eine Tradition hinterlassen haben, die wertvoll ist, er wäre unklug, wollte er nidit ihr Fortsetzer sein. Und Zak ist ein solcher Idealist,- er nimmt die Tradition auf, nicht blind, bewußt und seines Auges sehr sicher, aber er ist kein Fortsetzer mehr — zu viel war verloren gegangen ter ist schon Beginner und Schöpfer einer neuen Tradition. Ich wollte kritisch einen Maler und seine Leistung würdigen,- wenn es eine Hymne geworden ist, desto besser, besonders wenn kein falsches Pathos aus ihr klingt. Hier bot sich die Gelegenheit zu loben, restlos zu loben, und man muß — die Feste feiern wie sie fallen. EUGEN ZAK SELBSTBILDNIS ZWEI FÄSSER WEIN VON MORDCHE SPEKTOR I. DER BESSARABISCHE KNABE Als die Mutter Izze^Beeralis mit ihm aus dem Kindbett aufstand, zog man unter ihrem Bette einen Wagen abgenagter Knochen hervor, von Kapaunen, Enten, Gänsen, Truthühnern, jungen Hühnern und von vielem anderen koscheren Geflügel, das eine ehrbare Frau essen darf. Für Peßje^Golde, die Mutter Izze=Beeralis, war das Wochenbett das gleiche wie die Erholungsreise für die Damen, die im Sommer ins Ausland fahren, bloß daß sich Peßje-Golde in ihrem Wöchnerinnen^ bett viel besser erholte als die Damen in den teueren ausländischen Bädern. Ein solches Wochenbett, wie es Peßje-Golde hatte, konnte auch nur Jemand haben, der in dem gesegneten Bessarabien wohnte, wo man den Wein eimerweise trinkt, die Trauben zentnerweise ißt, und wo man ,Mamaliga schneidet mit dem Seil und kentscht wie ein Fliegenteil', wie die bessarabischen Juden selbst sagen. In dieser glüddichen Gegend wurde unser Izze= Beerali von einer zwar nicht reichen, aber glüddichen Mutter geboren, die in dem kleinen bessarabischen Städtlein Peßje=Golde Chalamejda hieß. Noch an der Mutterbrust trank Izze^Beerali mehr Wein als Milch. Sehr früh stand er auf seinen Beinen und noch früher bekam er zwei Schneide^ und vier Bad^enzähne. Unter seinen Schwesterlein und Brüderlein kollerte er fast immer auf dem Boden herum und so im Spiel schlief die Kindergesellschaft die ganze Nacht durch. Die Mutter konnte sich nicht viel mit ihm beschäftigen, denn 194