Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1924)
- Date
- 1924-06-01
- Page
- Seite 191 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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ARNOLD SCHÖNBERG aufs Geratewohl gewählte Beispiele für Schönbergs grenzenloses Können in seinem immer wieder problemschwangeren Schaffen. Je weiter dieses fortschreitet, desto enger geraten die Motive aneinander und gerade diese verwirrende Fülle des Gleichzeitigen erschwert dem Laien den Genuß der Schönbergschen Musik, die Überkürze und Übergedrängtheit bei ganz außerordentlicher Ökonomie der Mittel läßt den Hörer nicht zu Atem kommen. Der Kammermusikstil, den Schönberg seit seinen Anfängen pflegte, hält ihn eben auch mit wachsender Reife fest, keine bloße Füllstimme, nichts Konventionelles oder irgendwie Überflüssiges belastet seinen Satz ,• denn die Musik soll ja nicht schmücken, sondern wahr sein. Freilich, was ist Schönheit? Nach Schönbergs Worten »nicht die Erfahrung Aller, sondern Ein* zelner«,- was ist Wahrheit in der Kunst? Nach Wildes paradoxer Erkenntnis »die letzte Stimmung des Künstlers, etwas, dessen Umkehrung auch wahr sein kann«! Dieser Konflikt zwischen traditioneller Schönheit und der neu errungenen Wahrheit wird von Schönberg nicht zu überbrücken versucht, sondern unbarmherzig vertieft. Darin ist er ein echter Vertreter des Expressionismus, daß er auch die Form in den Dienst des Ausdruckes zwängt und in der Technik sein eigenes Ich rücksichtslos verlautbart. Selbst das Lied löst Schönberg im Gegensatz zu den älteren Meistern vom Texte selbstherrlich los, durchtränkt es mit seinem eigenen Gefühls* gehalte und gerade im Liede offenbart er nicht nur seine ganze starke, nicht gerade sinnenfrohe Geistigkeit, sondern auch seinen großen Melodiereichtum. Schönberg ist, was heute noch besonders betont werden muß, da es die konservativen Musikväter geflissentlich übersehen, ein ganz großer und großzügiger Melodiker. Seine Melodie ist freilich nicht mehr nach dem alten Schema von Tonika und Dominante gebaut und darum will sich bei den in der Vergangenheit wurzelnden Hörern das Echo des Mitfühlens noch nicht recht einstellen. Macht es sich Schönberg nicht leicht, so macht er es dem trägen Publikum umso schwerer, mit dem Eiltempo seiner Entwicklung gleichen Schritt zu halten. Und so bricht sich der Glaube an Schönbergs melodischem, vorwiegend lyrischem Reichtum nur langsam und zaghaft Bahn. Schon in seinen vor fast einem Vierteljahrhundert geschaffenen »Gurreliedern«, welche ja überhaupt die Brücke zu seinem späteren Schaffen bauen, leuchtet Schönbergs lyrisches Talent in hellstem Lichte,- hier zeigt sich auch bereits sein Streben nach dem Kammermusikalischen, nach Teilung, Umgruppierung und solistischer Verwendung der Instrumente und seine Freude an satztechnischen Problemen. Hier erkennen wir also schon die Hauptmerkmale des Schönbergschen Stiles, wenn auch noch in embryonaler Andeutung: Sein geistiges Streben nach Kürze und Wahrhaftigkeit und in der Technik die Sehnsucht nach melodischen Linien, seine Neigung zum Kammermusikalischen und Kontrapunktischen, mit all seinen rein linearen Entfaltungsmöglichkeiten und schließlich im Melo* dram sein Hang zum Ungewohnten und Neuartigen, der letzten Endes in seiner Herkunft von Wagner und der Romantik begründet sein mag. Wir sagten bereits, daß seit der Entstehung der »Gurrelieder«, welche neben Schönbergs Streichsextett »Verklärte Nacht« seinen Namen in weiteren Kreisen populär gemacht haben, fast ein Vierteljahrhundert verflossen ist. Seit ihrer Ent* stehung, nicht aber seit ihrer Aufführung! Liegt doch zwischen der Schaffung dieses Werkes und seinem entgültigen Abschluß etwa ein Jahrzehnt, während welcher Zeit Schönberg durch unwürdige Handlangerdienste — Instrumentation fremder Operetten und dergleichen — sein Leben fristen mußte. Nicht besser ist es ihm mit anderen Werken gegangen, die ein Jahrzehnt und noch länger vor der Aufführung in der Schreibtischlade rasten mußten. Doch darüber mag er sich trösten. Wie die öffentliche Meinung vom Gott/Trunkenen, Bruckner, schrieb, er komponiere wie ein Betrun* kener, so nannte sie Schönberg einen Schwindler und verwies seine Musik ins Irrenhaus. Nur selten bleibt einem ehrlichen, verinnerlichten Künstler dieser Leidensweg erspart! Arnold Schönberg ist nach harten Lehrjahren und unsteten Wanderjahren, Meister geworden. Heute, da er sein fünfzigstes Lebensjahr vollendet hat, mögen die Meisten noch daran zweifeln, ob der Weg, den Schönbergs Kunstschaffen eingeschlagen hat, ein gangbarer ist,- aber Niemand zweifelt mehr an der Meisterschaft seines Könnens und an der Lauterkeit seines künstlerischen Wollens. Von Freund und Feind in gleicher Weise geschätzt, mag er mit Genug* tuung auf sein bisheriges Leben zurückblicken, das reich an künstlerischem Schaffen, aber noch erfolg* reicher durch sein Beispiel und die dadurch entfachte Revolutionierung der Geister ist. Wie kein zweiter Zeitgenosse hat er es verstanden, das künstlerische Zeitgewissen wachzurütteln, als Pfadfinder im Reiche der Tonkunst Schule zu machen und über einen müden, engherzigen Nationalismus hinaus eine Menschen versöhnende musikalische Internationale in die Wege zu leiten. 191