Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1924)
- Date
- 1924-05-01
- Page
- Seite 185 (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
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„ROLLEN" UND „REGIE" IN AN=SKYS „DYBÜK" Das Antlitz des Dichters ist Nebensache. Die Namen der talentvollen Individualitäten des jungen Theaters — Nebensache. — Die Zarten sind zurückgeschoben, die Geschickten kriechen — in der hübschen Hülle der Regie ihre Armseligkeit verhüllend — empor. . . Dies sind auch »Nebensachen«. Die Regie, die Regie! Aus all dem reißt sich der Schrei des aus dem Grabe auferstandenen Dybuk zum Tageslicht. »Ihr habt mich begraben und ich bin zu der mir Bestimmten wiedergekehrt und werde von ihr nie mehr weggehen.« An^sky ist nicht Bialik, An=sky ist auch nicht Perez, aber Bialik und Perez sind keine Dramatiker . . . Die Muse Bialiks ist allein vom Pathos seines Verses befruchtet. Perez aber lebt im Schmerz und im Kummer seiner Novellen. Kaum wurde Perez von Sehnsucht nach dem Theater ergriffen, als seine Feder nichts als Nachahmungen von Maeterlinck und Wyspianski von sich gab. An=sky . . . weniger »Dichter« als vielmehr Ethnograph, leidenschaftlicher, geradezu exaltierter Sammler der zerrissenen Thorahrollen und anderer vergewaltigter, aber unverwelkbarer Heiligtümer seines Volkes. »Kein Dichter« ... In abgetretenen Stiefeln eines russischen Revolutionärs pflegte er seine jüdische Stadt zu durchschreiten und daraus hat er sein Werk geschöpft. Vielleicht mehr Beobachtung als Dichtung, mehr Notizbuch als Gedicht, aber ein Neues ist da: aus den Sagen der Rabbis, aus dem stillen Seufzen und aus dem naiven Aberglauben seiner Gassen hat An=sky privatives T/ieater geschaffen. Keineswegs ist der Stil von An-skys Werk die Kombinat tion des Lethargiezaubers, deren Ziel es war — und sein mußte — die sterbende Seele im Theaterleben zu verhüllen. Ebenso in den Formen wie im Inhalt ist »Zwischen zwei Welten« ein Motiv des auferstehenden Glaubens: Renaissanze. Sender Brinitzers Materialismus wird besiegt. Im Tode siegt das ewige Leben. Keine Kräfte des Himmels und der Erde können von den vor dem Herrn auf sich genommenen Pflichten befreien. Das Versprechen dem Freunde gegenüber ist ein Gelübde, von dem sich das Gewissen nicht befreit, so lange das Versprechen nicht erfüllt ist. Dies ist der Inhalt des Werkes von An=sky. Und die Formen? — RollenW »Chanon«: Die Seele Karl Moors im Körper des Jeschibothnick, der von Sabbath bis Sabbath fastet. Die Qual Romeos ist sein Ausgangspunkt, der Haß des Verstoßenen — sein Weg,- sein Ausweg ist — »ein Dybuk*. »Lea«: Waise, Liebende, unglückliche Braut, kränkliche Trägerin mächtigen Widerstandes der verstoßenen armen Seele ihres Gatten vor Gott und Gewissen. Schließlich »Reb Asrielke Miropoler«, der darf und nicht kann, der muß und nichts wagt. »Zwischen zwei Welten« ist seine Seele gespalten . . . Was soll er: Segnen oder fluchen? Beten oder drohen? Weinen oder wüten — was soll er? »Sein oder Nichtsein«? Der Bote, die Bettler, die Jeschibothjungen, die Batlonim, die alte Amme —• sie sind Gestalten, aus dem Leben geschöpft, mit tiefem psychologischem Inhalt, durchwegs klar und primitiv: »Rollen«. Die »Regie« möge hier nicht in hochmütiger Toleranz einen Weg zum »schwachen Dichter« führen, sondern mit zarter Liebe und väterlichem Zittern über den Atemzügen des Volksjuden und Ethnographen das den Schau- Spielern lassen, was An-sky im auferstehenden Idealismus aus den Fäden der chassidischen Tage und Nächte, Dämmerung und Klarheit webte: Rollen! Nicht ein symbolisches Poem in drei, sondern eine »dramatische Legende in vier Akten« schuf An-sky. Das hat die Regie zu begreifen und ihr Motto sei der Spruch des Zaddik: »Hätte dieser Mensch ebenso sehr seine Seele, wie seinen Körper vervollkommt, welche tiefen Abgründe hätte er auf dem dünnen Seile des Lebens überschritten.« Der Körper der Vorstellung verletze nicht die Seele des Schauspielers! Das ist hier das Wesentliche. In der Periode der Rollendämmerung gab es ein Theater HHHH in Europa. Der Zauber und der ^^^^^^^^^|H Traum einer Sommernacht, der ^^^^^HbBHH Spaß und Witz eines Winten* H^B^BS^^H märchens, der Seufzer des . V*^TPI^B Kaufmanns von Venedig, die Träne Romeos, die Verzweiflung Moors — all dies geschah im Flüstern der Wälder, im Plät- I^j^^H Schern der Wasser, im Lächeln HI^H des Himmels, im Zittern der ■BS^Hh Erde — Shakespeare blühte in einer Zeit, da Bücherwürmer ihn HHH| als überlebt erklärten. j^H^^B Dieses Glück gehörte dem jHHBH deutschen Theater. Dem »Deutj^l^^H sehen Theater« gebührt diese jHH ^^^^H Auf dieses Blatt der Theater- ^^H^H geschiente müßte man die Zeilen ^^^^^H von An=skys Werk schreiben. Auf das Blatt, an dessen Spitze Max Reinhardt steht. MOREVSKy ALS ZADDIK IM »DyßUK 185