Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1924)
- Date
- 1924-05-01
- Page
- Seite 184 (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
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„ROLLEN" UND „REGIE" IN AN-SKYS „DYBUK" III. AKT Mit lokalen Narkosen betäubten sie den Schmerz der raulenden Seele des Theaters. Mögen Feinde und Freunde erzählen, was sie wollen — die größten Hroberungen des »Moskauer Künstlerischen Theaters« ~ waren Tschechow und Maeterlinck <»Der blaue Vogel«), die Beide Novellisten, keine Dramatiker sind. Die Rolle — dies war das Opfer! Im Theater der Zauberillusion ward sie erschlagen und entwurzelt. Schon im Prinzip wurde der Begriff »Rolle« als Synonym der Geschmacklosigkeit und Abgestandenheit erklärt — und mit genügenden Gründen. Die Rolle ward damals zum Besitz irrsinniger Egozentriker, die wohl oft rührend, nicht selten genial, die aber im Sterben waren. Was aber ist »Rolle«? Rolle, das sind die »Noten« eines Bühnendichters für die »Stimmen« seiner begeisterten Darsteller, seiner Akteuref sie sind der Inbegriff der Begriffe ihrer Epoche, ihrer Ideale, ihrer Losungen, ihrer Hoffnungen, ihrer Träume, ihrer Wünsche. »Rolle« — das ist Prometheus bei Sophokles, Hamlet und Macbeth bei Shakespeare,- bei Schiller ist es Moor und Wallenstein: die Lieblinge und die Helden ihrer Generationen oder ihre Schrecken. Und Schauspieler —: sie sind die flammenden Träger der Hoffnungen und Schmerzen, der Schrecken und der Verzweiflung. Vorstellung sei der Kultus vollkommener Persönlich« keit, das harmonische Gebet exaltierter Seele und Regie sei die Brücke vom Schauspieler zum Dichter und zurück über den Abgrund der Technik, des Alltags, der nüchternen Tatsachen: »Beginn 8 Uhr.« Und weiters ist »Regie« der warme Hauch einer Mutter über dem Bette ihres hilflosen Säuglings. Echte Schauspieler waren immer Kinder. In einem solchen Theater hat Regie nur ein Ziel-und eine Aufgabe: Das Chaos der Vorstellung den zarten Saiten der »Rollen« anzupassen,- die schwere Masse der Dekorationen und des Ensembles in die zarte Allee der Rollen hineinzuschieben, ohne die Blumen zu zertreten, ohne die Anlagen zu zerstören. Wie haben die Virtuosen der Regiekunst über diese Probleme gedacht? Worin ist die Rolle anfangs unseres Jahrhunderts verwandelt und was ist aus dem Akteur geworden? Wollen wir das alles beiseite lassen,- wollen wir uns dem Werke An^skys zuwenden. Mit Verachtung standen ihm die jüdischen Feuilletonisten gegenüber. Hochmütig tolerant ihm gegenüber das moderne Theater. Die Moskauer »Habimah« nahm An=sky in ihr Repertoir auf und erreichte mit dem »Dybuk« ihre Glanz« leistung. Der bezauberte Zuschauer will zwar keine Antwort auf die Frage geben, ob das talentvolle Meisterwerk des gottseligen Wachtanyoff nicht mit Peretz Hirschbeins »Verlassenen Schenke«, zum Beispiel, mehr als mit dem »Dybuk« Gemeinsames hat. — Auf die Frage, wie wurde der »Meschulach« gespielt, lautet die Antwort: Dies ist Nebensache. Hauptsächlich ist da die Regie zu bewundern, 184