Mannheim
Compact Memory

Das Zelt · 1924-05-01 · Heft 5 (Mai 1924) · p. Seite 183

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 5 (Mai 1924)
Date
1924-05-01
Page
Seite 183 (sequence 38)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/3139318-3133277-3133282--235-3133539
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

1. AKT »ROLLEN« UND »REGIE« IN AN^SKVS »DyBUK« VON AVROM MOREWSKV, EHEM. REGISSEUR DER WILNAER TRUPPE MIT DREI SZENENB1LDERN VON NATHAN ALTMANN Als Chaim Nachman Bialik den »Dybuk« auf Bestellung des Verlages ins Hebräische übertrug, unterzeichnete er seine Arbeit nicht mit seinem ganzen ruhrcu vollen Namen, sondern nur mit seinen Initialien. So erzählt man sich . . . Vor einigen Tagen wurde auf dem Friedhof zu Warschau über drei nebeneinander liegenden Gräbern ein Denkmal errichtet. Auf diesem Grabmale wurden die Namen dreier Heroen der neuen jüdischen Kultur eingemeißelt: Perez, An=sky und Dineson. Der Text des Steines aber wurde Perez' »Goldene Kette« entnommen ... Bei An=sky hat man keine einzige verewigungswürdige Zeile gefunden, weil der jüdische durchschnittliche »Intelligent« — ein Buchmensch ist. Ihm ist das mächtige und prächtige Element, das »Theater« heißt, völlig unverständlich. Der Dybuk oder wie sein Untertitel lautet: »Zwischen zwei Welten« von An^sky aber — das ist reiner, ungemischter Donner des Theatergewitters. heit liegt in diesem Ausspruch, denn im Anfang unseres Jahrhunderts ist das Theater gestorben und wurde durch nichts, als durch einen »Gegenstand der Überflüssigkeit« ersetzt. Zum Tode des Theaters haben drei verschiedene Faktoren geführt: Der trockene, ermüdende Akademismus der abgelebten Formen, in denen die Person eines talenU vollen Schauspielers durch einen Reflektor abgestandenen Geschmackes und geistloser Handwerkerei beleuchtet wurde,- weiters die allgemeine Steigerung eines frivolen Materialist mus, eine allgemeine Krankheit der Gesellschaft, und, als Folge der beiden, eine dritte Erscheinung: Der Gastspieler. Der feinfühlendste, der hitzigste, der begabteste Träger szenischer Möglichkeiten, der die Luft des Akademismus nicht mehr ertrug und sich den saftlosen Äußerungen des Theaterfortschrittes nicht anpassen konnte, nahm ein Holzschwert in seine Hand, legte eine Papier^ kröne auf sein Haupt und begann ein selbständiges Leben »als Gast« . . . Und nun geschah ein Wunder! Der bekannte Kunstkritiker Julius Eichenwald, ein Bewunderer des »Moskauer Künstlerischen Theaters«, hat einmal einen unvorsichtigen, aber merkwürdigen Aphorismus niedergeschrieben: »Das Theater«, sagte er, »hat überhaupt seine Zeit überlebt.« Ein Stück Wahr= »Le theätre est mort, vive le theatre«, sagten die großen Meister der Todeszeit und verwandelten das unvermeidliche Nichtsein in Lethargie, und mit Hilfe verschiedener Künsteleien entrissen die großen Virtuosen der Regiekunst das Theater den Armen des Todes. 183

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.