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Das Zelt · 1924-05-01 · Heft 5 (Mai 1924) · p. Seite 182

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 5 (Mai 1924)
Date
1924-05-01
Page
Seite 182 (sequence 37)
Language
German
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MELA MUTER In den Bäumen liegt vielleicht van Goghs Kraft. Die Stilleben sind ohne Wichtigkeit. Unbedingt sind nur Werke wie die zwei bereits genannten, von denen »Fruchtbarkeit« schon vom Musee du Luxembourg angekauft wurde. Eine »Kindergruppe mit Hund«, in welchem Bilde wieder der sichere Mutterinstinkt erscheint, gehört dem Direktor des Louvre, Guiffrey. Den Gegenpol dieser Bilder geben die von Frau Muter gemalten Porträts. Wieder bewährt sich hier ein unerhörter weiblicher Instinkt, der mit schlafwandlerischer Sicherheit aus jeder zur Dar= Stellung gelangenden Erscheinung das spezifisch Männliche herausholt. Denn Frau Muter malt nur Männerporträts. Und jedes dieser Bilder zeigt den Charakter des Gemalten. Ein Mann in kariertem Rock mit Reitkrawatte wird zum typischen Dandy. Barbusse hat das von Arbeit und Problemen durchfurchte Gesicht des Freiheitskämpfers und seine Hände verkörpern die gesamte, seinem Schaffen innewohnende Nervosität. Das Bildnis eines Offiziers verrät den ganzen Kastenstolz des Porträtierten. George Polti erscheint als na<hdenklicher Seelensucher. Überall weiß Frau Muter mit eigenen malerischen Mitteln ihre Impression zu realisieren. Man hat den Eindruck, daß sie ihre Porträts nicht malt, sondern erlebt. Sie bleibt nicht an der Oberfläche haften wie so viele Maler, sie geht eindringend in das Wesentliche, gewissermaßen in die Seele des Objektes. Aus tausend Details, die sie spielend bewältigt, fügt sich das Bild. Tonwert, Linie, stoffliches Volumen, Raum und Materie dienen gleicherweise dem Gesamtwerk. Die Feinheit, die Zartheit, die der weiblichen Linienführung allgemein zugeschrieben wird, ich habe sie bei Frau Muter nie gesehen. Ja, sie hat eine feine Linienführung, aber es ist eine ausgesprochen männliche Angelegenheit. Unter »fein« ist keinesfalls zart oder gar irgendeine Fragilität zu verstehen wie sie etwa der Laurencin eignet. Eher ist die Linie bei ihr vulgär, das soll in diesem Falle heißen: für das Volk berechnet. Und ich habe oft daran gedacht, wie schön es wäre, wenn man in einem Gemeinschaftsstaate der Frau Muter die Ausschmückung von Säuglings^ heimen und Geburtskliniken übertragen würde. Das wäre ein Betätigungsfeld: Fresko. Gebt ihr Wände! 182

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