Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1924)
- Date
- 1924-05-01
- Page
- Seite 179 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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JOSSET TRUMPELDOR KLEINSTE (lächelnd): Bekomme ich auch ein Geschenk? TRUMPELDOR: Erst mußt du mir sagen, woher du das Geschichtchen kennst. KLEINSTE: Ich habs gehört. . TRUMPELDOR: Von wem? Von Tante Ajala? KLEINSTE: Nein. AJALA: Das wirst du nicht erfahren können. Was sie weiß, hat sie von Allen erhascht. KLEINSTE: Was bekomme ich zum Geschenk? TRUMPELDOR: Sag, was wünschst du? WANDERER (auftretend und die Kleine hochhebend): Gib zur Antwort: Das Leben Abrahams und sein seliges Ende. (Zu Trumpeldor.) Verzeiht die Unterbrechung. Wer Kinderherzen so beleben kann, ist wert, wie ein leuchtendes Vorbild vor seinen Brüdern einherzuschreiten. Reich mir die Hand. (Handschlag.) TRUMPELDOR: Dank Väterchen. Wie heißt ihr mit Namen? WANDERER: Was fragst du nach meinem Namen? Nenne mich Wanderer, und du hast mit diesem Wort mein ganzes unseliges Leben zusammengefaßt. TRUMPELDOR: Und doch ists mir, als hätte ich euch in meiner Kindheit im Lande zu Mitten nacht gekannt. WANDERER: Welcher Ansiedler unter euch hätte mich nicht einstmals gesehen? Bin ich doch das Abbild der traurigen Vergangenheit euerer Väter. Nun ist ein neues Geschlecht wie die Morgensonne aufgegangen, das einen neuen Tag verkündet, einen Tag der Selbständigkeit im neuen alten Land unserer Väter. TRUMPELDOR: Ein neues Geschlecht und ein neuer Morgen. Der werdende Tag gehört diesen Kleinen, die mit ihren zarten Händen schon jetzt an das Tor der Zukunft pochen, um auf den heiligen Bergen das neue Jerusalem zu sehen. AJALA: Ists wahr, Lea, daß du das neue Jerusalem sehen willst? KLEINSTE: Nein, Tante. Ich will nur den Tempel in seiner goldenen Schönheit sehen. WANDERER: Welch frommer Wunsch! In diesem Worte liegt die Sehnsucht eines Volkes verdichtet. Wer Ohren hat zu hören, der höre! TRUMPELDOR: Wollt ihr damit sagen, daß der Tempel bald wiederhergestellt werden soll? WANDERER: Wer die Hoffnung hegt, einmal den Tempel zu sehen, glaubt er nicht an seine Wiederherstellung? O, laßt euch nicht von dem einfachen Glauben dieses Kindes beschämen. Der Tempel war unseres Volkes Sinnbild und Kraft. Seitdem er zerstört ward, irren wir auf dem Meere alles Geschehens. Mit seiner Aufrichtung kehrt den Gebeinen auf dem Totenfelde das Leben zurück. Und die zerstreuten Kinder Israels sammeln sich zu einem neuen Volk Gottes in Zion. ERSTER KNABE: Ist es wahr, daß derMaschiach bald kommen wird? KLEINSTE: Sagt, Väterchen, wird er kommen, der Sohn Dawids? WANDERER (zur Kleinsten): Weißt du denn, wer der Erwartete ist? ALLE KINDER: Er ist der König Israels. WANDERER: Nun wird mir wohl in diesem Lande voll Sonnenschein und Hoffnung. Ja, nun weiß ich gewiß, daß der Lebensbaum Israels seine Äste nach allen vier Winden ausbreiten wird, daß alle Vögel unter dem Himmel sich auf seinen Zweigen wiegen und alle Tiere des Feldes in seinem Schatten lagern werden. ERSTER KNABE (mit Betonung): Wann wird der Maschiach kommen? WANDERER: Er wird nicht kommen, mein Sohn. ALLE KINDER (erstaunt): Warum wird er nicht kommen? WANDERER: Weil er schon da ist. KINDER (durcheinander): Was sagt er? Ist er schon da? AJALA (hineinrufend): Hörst du, Sulamith? Unser Gast behauptet, daß der Maschiach schon da ist. SULAMITH (auftretend): Der Maschiach da? WANDERER: Ja, so sagte ich. Vor den Toren Jerusalems sitzt er wie ein aussätziger Bettler und harrt voller Sehnsucht Tag für Tag auf den Seher, der ihn entdecken soll. Die Karawanen, die des Morgens früh an ihm vorüberziehen, erkennen^ ihn nicht. Der wohlhabende Bürger, der sich vor den Toren Jerusalems ergeht, wirft ihm geringschätzig ein Almosen zu. Und doch weicht er nicht von der Stelle und wartet mit Geduld und Liebe. — ERSTER KNABE: Auf wen, Großväterchen? WANDERER: Er wartet auf dich, mein Sohn. Nimmst du ihn auf? ERSTER KNABE: Er sei willkommen! ALLE KINDER: Hoschana dem Sohne Dawids! ALLE ANWESENDEN: Hoschana dem König Israels. VORHANG. (Der zweite und der dritte Akt folgen.) RUDOLF LEVy LANDSCHAFT 179