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Das Zelt · 1924-05-01 · Heft 5 (Mai 1924) · p. Seite 172

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 5 (Mai 1924)
Date
1924-05-01
Page
Seite 172 (sequence 27)
Language
German
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JOSSET TR, WANDERER (aufmerksam): Nun was trägt sie Außergewöhnliches? DEBORAH: Ein Puppenspielzeug, das ich meinem jüngeren Bruder entrissen, um mich daran zu ergötzen. WANDERER: Laß mich das Spielzeug sehn! DEBORAH: Hört ihr mich nicht, Alter? Es ist nur für Kinder bestimmt. Ein Greis hat keine Freude daran. SULAMITH: Freilich nicht. Denn Feuer und Zuckerkügelchen speien kann nur die Jugend belustigen, nicht aber das Alter. AJALA (ausbrechend): Ihr seid alle von Sinnen. Der böse Geist Schauls hat euch in seiner Gewalt. Werft doch das gefährliche Zeug weg und spielt nicht mit dem Tode! WANDERER (springt auf Deborah zu): Halt da! Wer wagt hier mit dem Tode zu spielen? Mein Anrecht ists und keines Sterblichen sonst. Hältst du den Tod in der Hand, so mußt du ihn mir überlassen. SULAMITH, AJALA: Deborah, gib acht, daß kein Unglück geschieht. DEBORAH: Seid getrost, das Spielzeug ist leer, er kann es behalten. WANDERER (betrachtet die Waffe): Wirklich leer! (Steckt sie in den Mund.) AJALA (aufgeregt): Deborah, was tatest du? WANDERER (öffnet die Waffe enttäuscht): Wozu dienen diese leeren Löcher hier? DEBORAH: Zellen sind es für Feuerbienen. Reich mir das Spielzeug her, dann sollst du sehn, wie man damit umgeht. WANDERER (gehorchend): Ich bin dir dankbar. DEBORAH: Siehst du jenen Fleck in der Latte dort? WANDERER: Den roten? Scheint er nicht gar zu verschwommen zu sein? DEBORAH (zieh mit geladener Waffe). WANDERER: Du zielst auch zu hoch. So verfehlst du gewiß dein Ziel. (Ein Schuß fällt.) DEBORAH: Getroffen? WANDERER: Deine Kugel sitzt um eine Spanne zu hoch. SULAMITH: Zeig her! DEBORAH: Willst du dich auch versuchen? WANDERER: Ich stelle die Latte höher. - Ist es dir also recht? SULAMITH: Tritt zur Seite. (Wanderer gehorcht. Im Augenblick des Feuerns eilt er in die Schußrichtung. Die Mädchen schreien vor Angst auf.) WANDERER: Die Latte ist mitten entzwei. Mein Herz aber blieb verschont, damit das Schicksal mich weiter verfolgen kann. Himmel und Erde haben sich gegen mich verschworen! Wer will sich meiner erbarmen und meiner traurigen Unsterblichkeit ein Ende bereiten? Feigling Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg? Tu dich auf, Mutter Erde, und nimm den letzten Sohn Korahs auf. DEBORAH (nähert sich vorsichtig dem Alten): Sagt, Väterchen, hat euch die Kugel getroffen, daß ihr also faselt? WANDERER: Welche Kugel, Tochter Zions? O, diese Freude ist mir für immer versagt. Wie oft suchte ich den Tod auf den Bergen und in den stürmischen Wogen. Aber der Tod war mein Retter auf dem Gebirge und mein Steuermann auf dem Gewoge des Weltmeeres. SULAMITH: Was hast du Abscheuliches begangen, daß dich der Tod fliehen sollte. WANDERER: Wenn die Sehnsucht eine Sünde ist, so habe ich das verabscheuungswürdigste Verbrechen begangen. Denn seit Jahrtausenden habe ich mich nach einer Heimat gesehnt, nach einem Vaterland, wo ich meine letzte Ruhe finde. AJALA: Armer, alter Mann, du dauerst mich mit deiner ewigen Sehnsucht nach Ruhe. SULAMITH: Bleib bei uns. Du hast hier das schönste Vaterland. WANDERER: Ein großes Wort! Mein es steht im Buche des Schicksals geschrieben: Ein mächtiges Leben durchdringt die tote Erde, seitdem Gottes »Werde« zum zweitenmal erklang. Aus dem dunklen Gewässer der Zeit taucht die alte Heimat empor, schön wie eine geschmückte Perserbraut. Esther hieß sie, die vor Zeiten unser Volk vor dem Untergang gerettet. Heute ist es das »Land der Väter«, das seine zerstreuten Kinder wie die Henne ihre Küchlein unter die Flügel lockt. O, könnte ich diese Rückkehr mitfeiern. SULAMITH: Hörst du uns nicht? Wir laden dich ein, die Rückkehr mit uns zu feiern. WANDERER: Ja, wenn ich diese Augen nicht hätte. Wie könnte ich Feste mit euch feiern, wenn der Grund wankt, auf dem ihr steht? AJALA: Wie habt ihr mir nach dem Herzen gesprochen, Alter. Hoch vom Norden bin ich gekommen, wo das ewige Eis die große Zeugemutter bedeckt. Wie oft geschah es, daß die Eisdecke brach und die darauf Gehenden spurlos verschwanden. O dieses Gefühl beherrscht mich bis heute, obwohl wir uns mitten im Lande voll Sonnenschein befinden. <Ab.> WANDERER: Als Noah die Arche verließ, brachte er Gott, dem Herrn, ein Dankopfer, damit der Grund unter ihm zum zweitenmal nicht wanke. Was habt ihr dem gnädigen Schöpfer dargebracht? DEBORAH: Ihr sprecht wahr, doch wie ein Nachtwandler, der im Banne eines Gesichtes steht. WANDERER: Wohl dem, der da glaubt, wiewohl er nicht sieht. DEBORAH: Ihr wiederholt genau die Worte unserer Väter. AJALA: Seht, wer dort eilig naht. (Während die Mädchen in die Richtung blicken, geht der Wanderer unauffällig ab.) 172

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