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Das Zelt · 1924-05-01 · Heft 5 (Mai 1924) · p. Seite 173

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 5 (Mai 1924)
Date
1924-05-01
Page
Seite 173 (sequence 28)
Language
German
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JOSSE? TR 5. AUFTRITT (Die Vorigen ohne den Wanderer. Jossef Trumpeldor.) TRUMPELDOR: Was ist hier vorgefallen? Wie? Sulamith in Waffen? SULAM1TH: Wir haben uns eine Weile im Schießen geübt. TRUMPELDOR: Wirf die Waffe weg. Sie paßt dir nicht. SULAMITH (zu Deborah): Nimm deinen Unruhe Stifter! DEBORAH: Wirf ihn lieber weg. Ein Werkzeug, das nicht tötet, ist keine Waffe mehr. TRUMPELDOR: Sind das die Worte der sanften Deborah? DEBORAH: Was hältst du von einer Kugel, die nicht umbringt, wenn sie auch trifft? TRUMPELDOR: Dann schilt deine Hand und nicht das Werkzeug! Ich habe meinen linken Arm verloren und bin doch nicht gestorben. SULAMITH: Die Kugel hat einen Greis mitten ins Herz getroffen und doch nicht getötet. Frage ihn selbst, er muß ja da sein. DEBORAH: Er wird hinter das Haus gegangen sein. Ich geh ihn suchen. (Ab.) 6. AUFTRITT (Trumpeldor und Sulamith.) TRUMPELDOR: Erzähl mir, Liebe, wie war das mit dem Fremden? Glaubst du wirklich, daß ein Wunder geschehen ist? SULAMITH: Ein Wunder oder ein Zauberkunststüdi. Ein alter, ehrwürdiger Wanderer erschien und trat freundlich grüßend zu uns. Bald aber hatte sein seltsames Gebaren uns an der Gesundheit seines Geistes zweifeln lassen. TRUMPELDOR: Der Fremde scheint mir nahe zu stehen, denn schon deine Beschreibung weckt, Zuneigung zu ihm in mir. Wer weiß, ob er nicht mein Doppelgänger ist. SULAMITH (lachend): Der alte Mann gleicht dir, wie der Winter dem Sommer. TRUMPELDOR: Und dennoch verlangts mich, ihn kennen zu lernen. Ich hatte heute Nacht einen seltsamen Traum . . . vielleicht weiß er ihn zu deuten. Doch sieh, meine Sulamith lacht? SULAMITH (lächelnd): Ganz ohne Grund trägt kein Sterblicher den Namen Jossef auf der Stirn. Die Vorsehung weiß, wie sie die Namen verteilt. TRUMPELDOR: Hältst du also nichts von Träumen? SULAMITH: Hab ich das behauptet? Doch müssen sie klar sein. Ihre Umrisse müssen sich scharf abheben vom dunklen Hintergrund der Nacht. Was hast du denn geträumt, mein Jossef? TRUMPELDOR: Ich sah mich plötzlich an das Ufergestade des Tiberiassee versetzt. Plötzlich teilte sich die Flut und ein herrliches Weib tauchte empor und schwamm ans Ufer heran. Als sie ganz aus dem Wasser gestiegen war, verlor ich fast das Gleichgewicht meiner Seele vor dieser blendenden Schönheit. Welche Hoheit blitzte aus diesen Sternaugen, welche Morgenhelle strahlte von ihrem kristallenen Leib! Und doch wie bescheiden war ihr Gang! Unwillkürlich folgte ich ihr, bis sie vor einem hohen Felsblock Halt machte, von dem sie ihr Kleid herabnahm. (Pause.) SULAMITH: Warum hältst du inne? Fahre fort. TRUMPELDOR: Ich hatte erwartet, sie wie eine Königin gekleidet zu sehen. Worin sie aber ihre edlen Glieder hüllte, war ein ärmliches Gewand aus Kamelhaaren. Ein rissiger lederner Gurt umschloß ihre Lenden, während ihr königlich Haupt und die Lilienfüße bar jeder Bedeckung blieben . . . Da traten Tränen in meine Augen und plötzlich fühlte ich ihre sanfte Hand auf meinem Haupte ruhen, während ihre liebliche Stimme erklang: »Jüngling, warum diese Tränen?« »Ich weine um dich,« gab ich zurück. Da fragte sie wieder: »Kennst du mich denn?« Ich schwieg. Da nahm sie mich an der Hand und sprach: »Deine Tränen haben mich erlöst, denn du hast um deine Mutter geweint, um die Seele dieses heiligen Bodens.« SULAMITH: Welch seltsamer Traum! TRUMPELDOR: Sie blickte mir tief ins Auge und fuhr fort: »Schön sind die Tränen meiner Kinder und rührend, allein sie können meine Blöße nicht bedecken. Einst haben mich Dawid und Salomo in Seide und Purpur gehüllt und mit Gold und Edelstein geschmückt. Seit aber die Geliebten heimgegangen sind, irre ich umher wie eine Bettlerin. Wohl konnte ich meine Jugend all den Jahrtausenden zu Trotz erhalten. Aber mit Wehmut gedenke ich meiner einstigen Herrlichkeit.« Gerührt und erschüttert warf ich mich auf die Knie, um ein Gelübde zu tun. Doch da sah ich mich plötzlich in das Land der Mitternacht versetzt. Unter mir sah ich eine dünne Eisdecke, daß es mir kalt über den Rücken lief. »Siehst du,« hub meine Begleiterin wieder an, »das ist der Grund, worauf du dein Lebenswerk gebaut. Ohne Opfer hat deine Arbeit im Lande der Väter keinen Bestand.« Ich erschrak und wachte auf. SULAMITH (nachdenklich): Ist es Zufall oder ist es göttliche Vorsehung, daß dein Traum sich mit den Worten des fremden Wanderers deckt? Auch er sprach vom wankenden Grunde unter den Füßen, solange das glimmende Feuer darunter nicht gänzlich gelöscht werde mit dem edlen Blute eines Erstlingopfers. TRUMPELDOR: Und da kannst du mir zürnen, wenn ich den Gast für meinen Doppelgänger halte? SULAMITH: Ich zürne nicht. Aber ich wünschte vom Herzen, du entschlössest dich, mit mir nach PetadWikwah zurückzufahren. Dort würdest du diese nächtlichen Gedanken vergessen, Jossef. TRUMPELDOR: Laß erst ruhigere Zeiten einkehren. SULAMITH (seufzend): Wer weiß, wann sie kommen werden? 173

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