Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1924)
- Date
- 1924-05-01
- Page
- Seite 163 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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DIE RACHEL Um und neben sich sahen sie unzählig viele Tote in ihren Tachrichin <Totenkleidern> dastehen, die erst nach dem Ablegen des Tallith allen Betenden sichtbar wurden. Ein Stöhnen der Toten wurde laut. Vom Tallith entblößt, standen sie voll Schmerz und Weh, den Kopf zur Erde gesenkt, in ihrem Totengewande da. Der Zaddik versprach nun den Toten, auch sie in sein Gebet einzuschließen und auch für sie Sühne und Versöhnung zu erbitten, forderte sie jedoch in sanfter, aber entschiedener Weise auf, mit Rücksicht auf die den Lebenden drohende Gefahr, die Synagoge zu verlassen. Kaum hat der Zaddik seine Ansprache beendet, als die Toten sich wieder in ihre Tallethim hüllten und aus der Synagoge verschwanden. Der Gottesdienst konnte nun, diesem Abend entsprechend, in ungewöhnlicher Wehmut, Andacht und Inbrunst wieder fortgesetzt werden. Man betete diesmal nicht nur für die Lebenden, sondern auch für die Toten. Seit jenem denkwürdigen Jörn Kippur^ Abend ist es Bis auf den heutigen Tag in den drei benach^ harten, nebeneinander liegenden Städten Kuty, Kossöw und Wiznitz Brauch, daß die Toten nicht im obligaten Tallith begraben werden, während, wie bekannt, in allen Gemeinden Israels die Toten im, allerdings durch Abschneiden eines der Zizith ungültig gemachten Tallith zur ewigen Ruhe gebettet werden. Die Synagoge ist die ewige und in der Diaspora heiligste Stätte Israels. Hier schöpft Israel unwandeU bare Hoffnung, Mut und Versöhnung mit seinem Gotte. Die Synagoge ist die Sammelstätte nicht nur der Lebenden, sondern auch der Toten. D R A C H L VON DR. AUGUSTA WELDLER-STEINBERG <M:T EINEM BILD UND EINEM AUTOGRAMM AUS DER SAMMLUNG SCH\VADRON> Seltsam ist es, daß die glanzvollste Darstellerin der klassischen französischen Tragödie den altbiblischen Namen Rachel trug, daß stolze, klangvolle und nur in Franko reich heimische Verse aus dem Munde einer blutjungen, schmaU schultrigen Jüdin nach Jahrzehnten der Gleichgültigkeit das französische Publikum hinrissen und den Saal der Comedie wieder mitBegeisterten des nationalen Kunstwerkes füllten. Die tragedie mit ihrem starren Heroismus und ihrer pathetischen Deklamation ist der echteste Ausdruck französischen Geistes. Trotz aller »blague« ist leidenschaftliches Pathos sein eigentliches Element. Darin jüdischem Wesen verwandt, das satirisches Witzeln und Hingerissenheit des Gefühls vereinigt. Elisa Rachel Felix war die Tochter eines vagierenden jüdischen Hausierers aus Metz und wurde auf einer Wanderfahrt der Familie im aargauischen Mumpf in der Schweiz am 28. Februar 1821 als zweite Tochter geboren. Seit 1830 ließen sich die Felix in Paris nieder und handelten mit Trödelwaren. Die beiden ältesten Kinder verkauften in den Cafes Orangen und Rachel sang. Die Art ihres Vortrages fiel auf, man brachte sie zu Choron, dem Begründer des Konscrva^ toriums für Kirchenmusik, der sie in seine Schule aufnahm, ihr aber bald riet, sich dem Theater zuzuwenden. Auf seine Empfehlung trat sie in die Schule des Theätre Francais ein und wurde sechzehn^ jährig als Schauspielerin im Theätre du Gymnase engagiert. Der Direktor setzte große Hoffnungen auf ihr Auftreten, ein eigenes Vaudeville wurde für sie verfaßt. Allein ihr Debüt ließ kalt. Immer deutlicher schien ihr jetzt ein anderer Weg vorgezeichnet. Sie studierte während einiger Monate unter der Leitung des Schauspielers Samson tragische Rollen und spielte am 12. Juni 1838 die Camille in den Horatiern des Corneille. Von diesem Tage an war ihr Ruf gegründet. Sie schuf mit unvergleichlicher Meisterschaft die Reihe jener heroischen Frauengestalten aus den Tragödien Corneilles, Racines und Molieres, die sie unsterblich machten. Ihre stärkste Rolle war Phedre. Sie war nicht eigentlich das, was man eine schöne Frau nennt. Allein ihr schmales jüdisches Gesicht, ihre glühenden schwarzen Augen, ihre zarte Gestalt dienten willig dem hinreißenden Pathos ihrer künstlerischen Natur. Beispiellose Begeisterung errang 163