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Das Zelt · 1924-05-01 · Heft 5 (Mai 1924) · p. Seite 162

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 5 (Mai 1924)
Date
1924-05-01
Page
Seite 162 (sequence 17)
Language
German
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DIE TOTEN IN DER SYNAGOGE denselben sahen sie manche verstorbene Bekannte wie auch Eltern und Ahnen, von denen sie umarmt und gehätsdielt worden wären. Mancher wußte sogar zu erzählen, daß die Toten nach dem Gebete, am Jahrzeitstage (Todestage) eines berühmten Zaddik, Tikkun, Schnaps und Zuckerkuchen verteilt hätten, wobei sie auch ihn, den Lebenden, bewegen wollten, »Tikkun« mit ihnen zu trinken was dieser jedoch aus Scheu und Angst verweigert hätte,- als sie jedoch eindringlicher wurden, verfiel er in Bewußt-, losigkeit, aus der er erst am Morgen nach dem Öffnen der Synagoge wieder erwachte. R. Jehuda Hachassid erzählt in seinem, im Osten viel gelesenen und hochgewerteten, »Sefer chassidim« von einem Manne, der am Abend in der Synagoge eingeschlafen war und unbemerkt vom Synagogendiener daselbst eingeschlossen wurde. Als er um Mitternacht erwachte, sah er vor sich viele in ihre Tallethim gehüllte Tote und unter diesen auch zwei Personen die noch unter den Lebenden weilten. Es vergingen nur wenige Tage und diese beiden Lebenden zogen zu den Toten ein. Die Toten meiden das Zusammensein mit den Lebenden und kommen in die Synagoge nur während der Abwesenheit der Letzteren. Doch gibt es einen Tag im Jahre, an welchem sie mit den Lebenden beisammen sein wollen und sich unter dieselben, ohne von diesen gesehen zu werden, in der Synagoge mischen. Es ist dies der Vorabend des Jörn Kippur, beim Gottesdienst zu Kol Nidrej. Im Momente, da am Vorabend des Jörn Kippur zu Beginn des Gottesdienstes der Vorbeter in alt überlieferter, wehmütig melancholischer Weise das Kol Nidrej der im Tallith und Kittel (Totenhemd) gehüllten, weltentrückten, in Demut und innerer GRABSTEIN IN ZOLKIEW Zerknirschung dastehenden Betgemeinde vorzutragen beginnt, strömen die Toten scharenweise in die Synagoge. Gleich den Lebenden wollen auch sie an diesem furchtbaren und hochheiligen Gerichtstage vom himmlischen Richter das Wort »salachti«, das heißt »ich habe verziehen«, erflehen. Der Jörn Kippur als Tag der Sühne und Versöhnung gilt nicht nur den Lebenden, sondern auch den Toten, denn »auch die Toten bedürfen der Versöhnung«, sagen unsere heiligen Weisen. Die Toten kommen am Vorabend des Jörn Kippur scharenweise in die Synagoge und mischen sich unter die Lebenden. Darauf ist auch die oft rätselhafte gefährliche Enge und das unheimliche Gedränge zurüdtzuführen, das in der Synagoge beim Kol Nidrej entsteht, wobei es nicht selten zu Ohnmachtsanfällen kommt. In Kuty, einem galizischen, an der Grenze der Bukowina gelegenen Städtchen, geschah es einst zu Zeiten des berühmten Zaddik R. Moses Kutower, eines Schülers des R. Israel Baal Schern, daß am Vorabend des Jörn Kippur zu Kol Nidrej in der dortigen Synagoge in unerklärlicher Weise eine derartig furchtbare Enge entstand, daß den Betenden die Gefahr des Zerdrüdrtwerdens und Erstickens zu drohen begann. Niemand in der Synagoge konnte die Ursache dieser unheimlich rätselhaften Enge verstehen. Doch das hellsehende Auge des heiligen Zaddik sah mehr als alle Anderen sehen konnten. Er hieß dem Vorbeter, den Gottesdienst unterbrechen, bestieg den Almemor und befahl mit lauter Stimme allen in der Synagoge Anwesenden, ihren Tallith unverzüglich abzulegen. Ein Gruseln und Schaudern ging durch den heiligen Raum. Fahl und leichenblaß wurden die vor Schauer und Schreck wie festgebannt dastehenden Betenden 162

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