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Das Zelt · 1924-05-01 · Heft 5 (Mai 1924) · p. Seite 161

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 5 (Mai 1924)
Date
1924-05-01
Page
Seite 161 (sequence 16)
Language
German
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DIE TOTEN IN DER SYNAGOGE tigen geöffnet. Bs versammeln sidi deswegen die Toten nur in der Synagoge, in welcher außerhalb der Gebetszeit keine Lebenden sich befinden. Bevor der Schames <Synagogendiener> die stets mit einem eisernen Schloß versperrte Tür zur Synagoge öffnet, um den Betenden zum Gottesdienste Einlaß zu geben, klopft er immer drei Mal schwer mit dem Schlüssel an die Synagogen^ tür, als Anzeige an die in der Synagoge anwesen^ den Toten, daß sie dieselbe verlassen mögen, da die Lebenden sich zum Beten versammeln. In einer Stadt Galiziens fanden einst die zum Gebet Gekommenen an der Schwelle der Synagogentür den Schames bewußtlos liegen. Als er zu sich kam, erzählte er voll Schrecken, er wäre allein gewesen, als er beim Öffnen der Synagoge die drei üblichen Schläge an die Tür zu machen vergessen habe. Kaum war die Tür geöffnet, als er unzählig viele Tote in panischer Hast fliehen sah, wobei einige Tote hart an ihm vorbeihuschten. Zu Tode erschredtf sei er bewußtlos zusammengestürzt. Für gewöhnlich wird beim Öffnen der Synagoge stets drei Mal mit dem Schlüssel an die Tür geschlagen. Ist jedoch jemand in der Gemeinde verstorben, »dem man noch nicht sein Rechtes getan hat«, das heißt, der noch nicht bestattet ist, dann klopft der Schames bloß zwei Mal an die Synagogentür als Mitteilung an die Toten, daß Jemand in der Gemeinde aus dem Leben geschieden sei, sie mögen seiner Seele entgegengehen und sie in ihre Mitte aufnehmen. In Tagen, an denen in der Synagoge aus der Thorah vorgelesen wird, lesen auch die Toten in der Synagoge aus der Thorah, wobei nach Art der Lebenden — Einzelne aus dem Kreise der betenden Toten, mitunter aber auch Lebende, zur Thorah aufgerufen werden. In sehr vielen Städten des Ostens werden Tatsachen erzählt, wie Lebende, als sie gegen Mitternacht an der Synagoge vorbei^ gingen, dieselbe hell beleuchtet sahen und aus dem Innern sich deutlich mit Namen zur Thorah aufrufen gehört haben. Sie liefen zum Ortsrabbiner und fragten um Rat, wie sie sich verhalten sollen. Derselbe riet stets, da, wenn man zur Thorah gerufen wird, man auch gehen müsse, der Aufgerufene solle sich in den Tallith hüllen und denselben über sein Gesicht ziehen und ohne sich umzuschauen in die Synagoge sicher und ohne Schreck geradeaus zur Thorah gehen, vor und nach dem Verlesen des Thorahabschnittes die üblichen Segenssprüche sagen und nachher mit dem Gesicht zur Thorah gerichtet, — cfersefßen ßeifeiße nicht den Rücken zu fießren -~ die Synagoge wieder verlassen. VieleLebende, die so von den Toten zur Thorah aufgerufen wurden und nach der Anleitung der Rabbiner zur Thorah gegangen sind, sind, ohne irgend welchen Schaden zu nehmen, wieder nach Hause zurückgekehrt. Der berühmte Brodyer Maggid R. Salomon Kluger erzählt ähnliches von seinem Onkel, dem hochgelehrten Rabbiner von Zbaraz und Satanow R. Sender Margulies. Derselbe hörte einst in der Nacht eine Stimme aus der Synagoge, die ihn zur Thorah aufrief. Er hüllte sich in seinen Tallith, ging in die Synagoge zur Thorah, sagte die üblichen Segenssprüche und entfernte sich nach dem Verlesen des Thorahabschnittes ohne Schrecken und ohne Schaden wieder. Viele meinen, daß wenn ein Lebender von den Toten in der Synagoge zur Thorah gerufen wird, dies zu bedeuten habe, daß die Zahl seiner Tage auf dieser Welt nun zu Ende gehe und daß er bald von den Lebenden abberufen werde. Dreißig Tage bevor der Mensch in die Ewigkeit einzieht, verläßt ihn bereits, nach Ansicht mancher Kabbalisten, die höhere unsterbliche, unmittelbar aus der Lichtquelle Gottes stammende Seele. In den letzten dreißig Tagen seines Erdenseins wohnt noch in ihm bloß, ohne daß er es weiß, der gewöhnliche, der höheren Kategorie nicht angehörende Lebensodem. Die Toten wissen es schon, wer unter den noch Lebenden bereits von der höheren Seele verlassen ist und betrachten ihn schon als den Ihrigen. Als Neuling und Gast in ihrer Mitte beehren sie ihn, nach Art der Lebenden, mit einer »Alijah«, indem sie ihn zur Thorah aufrufen. Eine chassidische Legende - weiß von einem berühmten Zaddik zu erzählen, der einst um Mitternacht, an der Synagoge vorbeigehend, sich zur Thorah aufrufen gehört hat. Er wußte, was dies zu bedeuten habe: das Ende seines Erdenwandels sei gekommen. Er ging nach Hause, versammelte seine Kinder und Schüler um sich, traf alle Verfügungen für seinen Heimgang und verschied auch bald darauf. Es kam nicht selten vor, daß Manche während des Gottesdienstes in Schlaf verfielen und nach dem Verschließen der Synagoge darin blieben. Beim Wiederöffnen der Synagoge fand man Solche entweder tot oder in todesähnlicher Bewußtlosigkeit. Nachdem sie wieder zu sich gekommen waren, erzählten sie, daß, als sie vom Schlaf erwachten, sie die Synagoge voll von Toten gesehen hätten, die, in inbrünstigem Gebet versenkt, auch den entsprechenden Wochenabschnitt lasen, wobei nebst Toten auch sie, die in der Synagoge Eingeschlafenen, zur Thorah aufgerufen wurden. Die Toten waren sehr zärtlich und liebevoll gegen sie gewesen. Unter 161

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