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Das Zelt · 1924-05-01 · Heft 5 (Mai 1924) · p. Seite 159

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 5 (Mai 1924)
Date
1924-05-01
Page
Seite 159 (sequence 14)
Language
German
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ANMERKUNGEN ZUM KAPITEL „JÜDISCHE VOLKSKUNST" Die englischen Ausgrabungen gehen auf einem neuen Platze vor sich und brachten einige Schichten verschiedener Mauerüberreste zutage. In der jüdischen Schichte eine elend ausgeführte Stein» mauer, anscheinend ein Fundament. Die französische Mission führt ihre Arbeit neben dem schon vor dem Kriege in ziemlich großem Maße freigelegten Ruinenfelde weiter. Überreste von Steinmauern, Zisternen, Stufen und Felsenhöhlen — überall Überreste verkohlter Gegenstände, Asche und Scherben, schlechtgebrannter, sdilechtgeformter, undekorierter Lehmgeschirre, wahrscheinlieh der siegenden Söldner,- alles, was einen Wert hatte, war weggeschleppt worden. Wände und Runddecken des anscheinend ein Königsgrab darstellenden Raumes waren mit grobem Meißel bearbeitet, sicherlich um die dekorativen Formen, ein Zeichen jüdischer Kultur, zu vertilgen. Die Juden hatten sich bis zum Äußersten gewehrt,- um so erbitterter mußte die Rache des siegenden Feindes sein. Nur Kohlen, Überreste und Asche ließen sie zurück. Die Gebäude wurden der Erde gleichgemacht, der Platz oft überpflügt. Hier wurde nichts Wesentliches an jüdischem Kunstschaffen gefunden. Vielleicht werden späterhin noch solche bei den weiteren Ausgrabungen in Erez jisrael gefunden werden. Vielleicht werden wir solche in den Ländern finden, wohin sie verschleppt wurden. Wenn wir uns die Pogromgebiete in der Ukraine ansehen, finden wir ein fast ähnliches Bild. Überreste von Mauern, zerfallende, verkohlte Gegenstände, Asche und Geschirrüberreste der Plünderer, von Kunstgegenständen keine Spur. Wenn wir also nach den archäologischen Funden in Palästina und nach etwaigen Überresten der Pogromstädte, die äußerlich so an die jüdische Schichte in Erez jisrael gemahnen, Schlüsse auf jüdische Kunstbegabung ziehen wollten, würde das Ergebnis bestimmt negativ sein. In der alten Heimat und im Gastlande Schutthaufen und zerfallende Reste. Trotz allem aber haben sich in weiten Gebieten der Diaspora wunderbare Denkmäler des jüdischen künstlerischen Schaffens erhalten. Es gibt in Polen, Litauen, Wolhynien Orte, wo jüdische Gemeinden mehrere Jahrzehnte in relativer Ruhe und nationaler Abgeschlossenheit lebten. Diese Orte waren in guten Zeiten in fast ständiger Fühlung ^miteinander. Man brachte es nicht nur auf dem religiös-philosophischen, literarischen Gebiete zu einer eigenen Kulturblüte, sondern man schuf auch eigene Kunst. Man schuf literarische und künstlerische Werte und tauschte eigene mit den Werten der befreundeten, oft sehr entfernten Gemeinden aus. Auf diese Weise entstand eine gewisse Einheit der Ausdrucksart — die sich insbesondere in der alten jüdischen Volkskunst der genannten Länder charakteristisch äußert. So manches alte jüdische Kulturzentrum mit wunderbaren jahrhundertealten Holzsynagogen, von sehr interessanter, origineller, äußerer Architektur, mit meisterhafter Bemalung der inneren Holzwände und einem unverhofften Reichtum von Kunstgewerbeobjekten religiöser und ritueller Bestimmung, aus Edelmetall, wie Thora-Kronen, Schilder, Jadim, Lulawim, Leuchtern, Pokalen und prächtig geformten Messingleuchtern, Chanukahlampen, stehenden Menoroth, oft bis drei Meter hoch, wunderschöne farbige Papierschnitte, gestickte Parachoth, Thoramäntelchen und Deckchen, so manche alte schöne Holzschul stand im Weltkriege in der Feuerlinie der russischen Front. Durch so manchen alten jüdischen Friedhof mit unzählbaren, aufs originellste geschmückten Mazewoth, lief die Linie der Schützengräben. So manche Schul, so mancher Friedhof samt Schätzen jüdischer Volkskunst ist gänzlich von der Erdboberfläche verschwunden. So manche jüdische Schul wurde in den unruhigen Zeiten von modernen »Gabuim« aufgefrischt, viele gute, alte Stücke, als altmodisch, unpassend klassifiziert, in der Dachkammer dem Verfalle ausgeliefert. Glücklicherweise hat sich aber noch eine große Anzahl alter prächtiger Synagogen samt ganzem Inventar erhalten. Viele alte jüdische Friedhöfe, mit halbverfallenen, moosbedeckten, mit Blättern umrankten und Ornamenten dekorierten Mazewoth, bestehen noch und bilden wahre Fundstätten alter jüdischer Kunst, die auf ihre Entdecker warten. Unserer Kunstschätze in der Galuth, in Polen, Litauen, Wolhynien warten auf den Kunsthistoriker, warten auf die Popularisation, auf die Wiedergeburt des alten Verständnisses und der Liebe, auf eine organisierte, zielernste Konservierung der nationalen Kulturschätze. Ein Sammlung, welche die alten Kunstgebiete systematisch, auf Grund des vielleicht nicht mehr allzulange bestehenden Materials, wiedergeben würde, fehlt noch. 159

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