Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1924)
- Date
- 1924-05-01
- Page
- Seite 154 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3139318-3133277-3133282--206-3133510- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DIE JUGEND DES DANIEL sal hin, ohne Zürnen, ohne Ungeduld, sein Atem kam aus dem Innersten seines Innen, doch war er leicht, schnell, schneller als Menschenatem ist, nie hatte er Mühe. Sein Antlitz mit den purpurnen, fest umrissenen Lippen war unbewegt, denn er forschte nicht nach Gerechtigkeit, berührte nicht die Wage des Guten und Bösen. Seine Stirn, die sich so lange über die Bank der Metalldreher gebeugt hatte, die von den Funken der Schmiedeesse angesengt war, blieb ruhig, furchenlos, schneefarben, voller Frieden. Ungerührt, unberührt, wissend, ohne Sünde, voll Licht. Wie er nachts dalag, Keinen rufend, von Niemand gerufen, in der schmalwinkligen, blau getünchten Kammer, wie er im kühl durchdufteten Räume schlief mit leicht erhöhtem Haupte und seine schmalgliedrigen, kraftvollen Hände flach neben ihm lagen auf Palmblättern, raschelndem Laub, dem dürftigsten Lager, da wehten über ihn und über sein versunkenes Gesicht und sein tief befriedetes Leben wie blasser Wind dahin: das Ziehen der Karawanen in die Wüste und das Heimkehren zurüdt aus ihr, das Erlangen von Schätzen und das Verlieren, das Schmieden von ehernen Stieren und das Zerschmelzen, Zermalmen, Zerschneiden und das neue Schmieden zu anderem Gerät, das im Sande knisternde Schreiten der Maultiere im Paßschritt, das unruhige Kläffen der Hunde zu ihren Füßen, der weiße Mond, die silberne Zacke, ausglühend über der nie in ihrem rötlichen Staube verlöschenden Stadt und das nie im rötlichen Staube verlöschende Unglück der zehn Stämme Judas, ihr Weinen und Grämen und ihre unnütz gekrönten Könige, ihre mit Sünden erbauten Gottespaläste und Gottes vergebliches Bitten um der Juden Gnade und der Juden vergebliches Flehen um ihres ver^ leugneten Herrn unwillige Güte, und die von dem unseligen Gott mit Blumen gepeitschten unseligen Völker der unseligen Erde, und des friedenlosen Gottes Recht, Unrecht, Gewalt, Milde, Geben, Nehmen, Verderben und Retten aus Not, Verzeihen, Versprechen, Verkünden und Versagen, Verzweifeln an allem, Leben, Siechen, Siegen und Strotzen von Kraft, Verzagtsein und voller Freude und Streben und Sterben. Daniels Gott nennen die Namen nicht. Über Daniels tief versunkenes Gesicht und sein tief befriedetes Leben wehten wie blasser Wind, hoch um Mitternacht, dahin: die geliebte Mutter, die trübe, mit dem schwarz umflossenen Haupte, mit ihrer durch aschenfarbenes Haar verdeckten Stirne, mit dem scheuen, elenden Blidt der betrübten Prinzessin Judas. Wie Rahel, die trauteste, stillste, gütigste, ihren Sohn sucht mit dem flehenden Blicke, Gott gleich, der seine verlorenen Söhne sucht, wie sie sich, schon zwischen den Toren des Abschieds nach ihm, dem einzig Geliebten, umwenden will, von ihren furchtbaren Eiden gebunden, von ihrer furchtbaren Verzweiflung überströmt, wie Gott verzweifelt an Judas Leben, Stadt und Herrlichkeit, und gekettet an seinen glühenden Fluch, wie sie, das Herz voll Wut, den Blick voll Kummer, sich doch an ihn klammert, scheu von ihm entfernt, immer noch in ihren eklen Gerbergeruch gekleidet, dennoch ihrer unverlierbaren Schönheit gewiß, sie, die schönste Prinzessin von einst auf den schönsten Gefilden Judas, in den kühlsten Tälern unter den Zedernbergen Libanons, da sieht er, Daniel, sich zum erstenmal, er schwebt über seiner Erscheinung, erinnernd, erkennend. Aber an der Tiefe vor Daniels aufgelöstem, träumelosem Schlafe verging die unselige Welt ins Wesenlose. Dieser Jüngling, schneefarben im schneefarbenen Lichte des frühesten Morgens, ruhte nicht allein auf dem auseinandergespreiteten Bündel getrockneter Palmblätter, er war nicht eingehüllt allein in den harten Teppich grob geflochtener Fasern: er ruhte sicher auf dem Urgründe des Inmitten. Was wir ahnen, wußte er. Er war der Friede, friedlicher als Gott, glücklicher als Gott und als alle Menschen, selige, unselige, von den ersten Tagen Judas bis zu der letzten Zeit, angefangen von den Seinen, Vater und Mutter, bis zu den hohen Stammvätern, denen erst im Tode wurde, was diesen Lebenden lächeln machte. ERWIN LANG <KRASNOJARSK i9i9> DER SCHRIFTSTELLER HANS KOHN 154