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Das Zelt · 1924-05-01 · Heft 5 (Mai 1924) · p. Seite 153

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 5 (Mai 1924)
Date
1924-05-01
Page
Seite 153 (sequence 8)
Language
German
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DIE JUGEND DES DANIEL Blätter, es zirpt das Feuer in der Esse, es knarrt der Blasebalg und das Messer knirscht beim Schneiden des Erzes. Ihm ist alles zum Trost, aus jeder Speise ißt er Freude. Daniel, der letzte Erbe des von Gott geblendeten Geschlechtes, ist nicht verblendet. Die armen, vertriebenen Juden beten in verfallenen Tempeln, sie beugen sich, sie schlagen ihre abgemergelte Brust inmitten der herrlichen, blühenden fremden Stadt Babylon. Sie nehmen von dem elenden Estrich ihres Tem* pels Sand auf, der von dem zerbröckelnden Lehmdache fällt, und den Mörtel, der aus den Fugen rieselt, nehmen sie zwischen ihre Finger und streuen den Staub zur ersehnten Versöhnung vergeblich über ihre rauhen Haare und klagen sehr. Dieser aber lebte unter Menschen, ohne daß Menschliches an ihm war, außer seiner Gestalt. Noch hatte Gott nicht an das Innerste gerührt und das Vergangene war dunkel für ihn wie das Kommende. Aber er hoffte nicht, worauf Menschen hoffen. Fürchtete nicht, was Menschen fürchten. Litt nicht, was Menschen leiden. Wer sich in Gottes Gerechtigkeit begibt, kann nicht die Gerechtigkeit der Menschen erkennen. Er ist nicht betrübt, die Asche beschmutzt ihn nicht, der Mörtel bindet sich nicht an seinem lichten, herrlich gelodaen Haupthaar. Dieser schöne, hohe, glühende Knabe mit dem vogelgleich eilenden Atem liebte die Menschen nicht, noch haßte er sie, sondern er vollendete täglich sein Werk ohne Gier, er tat Gutes, wo er konnte, und keines Menschen ELSE LASKER-SCHÜLER AUS »DER PRINZ VON THEBEN« Leid haftete an ihm. Denn, was heilig ist, ist das Menschenlose. Er nennt Gott nicht mit Namen, noch ruft er ihn mit Bitten, denn der Heilige ist Gott nahe über die Worte hinaus. Sein Vater hatte sich gelöst von dieser Welt, er lebte unter fremdem Himmel, eine vertriebene Wolke. Aber wie Daniel sich von seinem Volke gelöst hatte, war nicht Menschenart. Nach vollendetem Tagest werk geht der Jüngling an den Rand der Stadt, er ver* sinkt tiefer in die Felder, auf eine gestürzte Garbe legt er sein schönes, licht umlocktes Haupt, seine Haare zittern in den zittern* den Grannen, sein reiner Atem vermischt sich mit dem reinen Atem des Getreides, so liegt er still. Er betrachtet ohne Müdig* keit, ohne Sehnen, makel* los in seiner holden, stark aufgesprossenen Jünglingskraft die klaren Abendgestirne. Die Winzer kommen unter ihren Körben mit Reben, aus deren Innerm der Saft blutfarben dringt, von berauschendem Dufte umwittert. Es ist Herbst, vor den Regen* güssen, eine wolkenlose, leichte Zeit. Von Frieden gesättigt, kehrt der Stille zurück, der Bescheidene schmiegt sich in sein kleines Gemach, der Stolze birgt sich in dem engen Raum mit dreieckigen Fenstern. Er ist wie alle Menschen und sein Name nur Einer unter Abertausend. Von der Ded<e rieselt im Dunkeln der Staub, es ticken die Würmer in den ausgetrockneten Balken. Daniel hatte keine Träume. Daniel, die vater-, die mutterlose Waise, hatte nicht Mitleid mit sich. Er suchte seine Mutter nie. Er nahm sein Schick* 153

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