Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1924)
- Date
- 1924-05-01
- Page
- Seite 152 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE JUGEND DES DANIEL trat den Blasebalg in der geschwärzten Werkstatt und aß seine Speisen, über den Holzkohlen der Esse geröstet. In seinem hellen, gelockten Haar knisterten die Späne des schwarzen, grünen, silbernen Metalles. Längst war seine Mutter verschwunden. Kaum daß bisweilen in der Dämmerung eine verschleierte Frau ihm begegnete: mit demütiger Gebärde schlug sie ihr sandfarbenes Witwenkleid um ihre mageren Glieder, das Ende des rauhen Tuches berührte leise raschelnd die hohe Gestalt des schönen Knaben. Seine Augen, von zartestem Blau, mit unzerstörbarem Glänze, brennend im silbernen Gesicht, suchten den Blick der Frau und ihre scheuen Augensterne,- doch bloß schwarze Locken, von grauen Strähnen durchzogen, hingen wie ein grob gewirkter Schleier vor ihrem Gesicht hinab, sie drückte ihren Kopf voll Kummer gegen die aufquellende Brust. Schon verrann sie in der Menge, die über die schwankenden Brücken in die Quartiere der Gerber strömte. In den Armen des Knaben war viel Kraft, seine Schultern konnte keine Last zusammendrücken. Sein Atem hob sich schnell und hoch, wie die flaumbekleidete Brust eines starken Vogels sich hebt beim lautlosen Schwung über den Gebirgen. In seinem Innern war starke Freude, deshalb konnte er alles ertragen. Er mußte vieles ertragen, denn er lebte ohne Vater und Mutter und arbeitete schweren Dienst. In der Nähe seiner Werkstatt gaukelten die Schatten der Palmen über den roten Staub der Straße. Die Rinde der windschwankenden Bäume war zerschlissen von den Haltestricken der ungeduldigen Lasttiere, denn hier ging die große, ebene Karawanenstraße, die aus dem glüddichen Arabien in das glüddichere Babylon führt. Der Knabe hörte an seinem Werktische das Feilschen und Lärmen der Kaufleute in den Bazaren, doch galt ihm Geld nichts, er lauschte in den späten Mittagstunden den Gesängen der Trunkenen und abends dem Kichern der Verliebten und dem Stöhnen der Begehrenden, aber es war ihm nur wie das Rauschen des Wassers, das Stöhnen des Brunnenrades und das Klirren der Kette. Schöne Mädchen trugen ovale Krüge Wassers hoch auf ihren schwarz gleißenden Köpfen, purpurn gekleidet, schwebten sie von dem Brunnen ins Innere der dumpf hauchenden Gassen. Daniels klare, weite Augen von reinstem Kristall funkelten im Dämmer der Arbeitstube über den Abfällen der heiligen Geräte, den gewaltigen Lenden der zerspaltenen Stiere, den abgebrochenen Nad^en und gewellten Mähnen der zerstörten Löwen, welche die siegreichen Chaldäer aus dem Tempel Jerusalems nach Babylon getragen hatten. Aus diesen Stücken schmolzen er und der alte Meister dicke, glimmernde Barren, dann rollten sie die Stüdce unter die Arbeitsschemel, sammelten Erz für die Arbeit langer Jahre. Dann lernte er dünne, dreimal geringelte Fußspangen schmieden, doppelt zugespitzte Angelhaken für die Fischer, die am Ufer des lehmfarbenen, seidig gekräuselten Flusses wohnten, Nadeln mit geschlitztem Öhr für die Teppichweber, flache Schalen für Salz, Büchsen für edle Narde und anderes Gewürz, Becher für Wein, mit Buchstaben gezeichnet, Gürtelschnallen, spiegelnd geglättet. So arbeitete er vom Morgen zum Abend. Vor seinem mit Metallsplittern besprühten Werktische stand er festen Fußes, mit unverrückten Knien, faßte die Meißel beim hölzernen Griff, formte die flacheren Ringe am steinernen Richtkegel, er zog die dünnsten Fäden aus der farblosen, heißen Lötflamme. Aber er tat es nicht der Spangen willen, nicht den Gürteln und Angeld spitzen zuliebe, sondern er nahm das Metall in die Hand und faßte die Barren unter dem Tische, als wäre es heilige Gerstenkrume, zum Opferbrote zu formen, er schürte das Essenfeuer, als wäre es heiliges Opferfeuer, in reinster Frühe zu zünden. Er bedurfte der Priester nicht, nicht der Gesalbten, nicht der heiligen Stätte. Er mußte Gott nicht suchen, er nannte ihn weder in Worten, noch Schreien, noch Seufzen, noch in Gebeten. Sein Glaube war Freude. Die Schreddichkeit Gottes war ihm noch fern. Seine Hand war mild gegen die Armen, er sorgte wie ein Sohn für die chaldäische Frau, er war sanft gegen die Traurigen und ahnte der Tiere traurig verzaubertes Herz und berührte sie mit Zärtlichkeit. Es freute ihn sein hoch beschwingtes, ruhevolles Atmen, das bloße Schauen war ihm Wollust, das Schlagen des Herzens ein Kuß von Innen her, eine Zärtlichkeit aus dem innersten Innen des Lebens. Er zweifelte nie. Das Gewicht der Sorge hatte er abgeschüttelt, Sehnsucht zehrte nie an ihm. Die Schwere der Welt hatte er abgetan, bevor sie ihn drüdtte. So konnte er nie ermatten. Er hatte als Kind die Maße ausgemessen, die Lasten verteilt. Er durchforschte die Weisheit der Schriften und ihr Neues kam nie zu Ende. Nie wurde er bitter, sein Mund kannte keine Traurigkeit, seine schnell hauchende Brust keine Betrübnis. Seine Hände waren nicht mit Ketten doppelt gebunden. Es rauschten die Bäume im Regen des Frühlings, die Palmen schütteln ihre fächerförmig gebreiteten 152