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Das Zelt · 1924-05-01 · Heft 5 (Mai 1924) · p. Seite 151

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 5 (Mai 1924)
Date
1924-05-01
Page
Seite 151 (sequence 6)
Language
German
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DAS Z E LT M A I I. JAHRG. 1924 HEFT 5 DIE JUGEND DES DANIEL VON ERNST WEISS Daniel geht tiefer zwischen die Felder, auf eine gestürzte Garbe legt er sein schönes, licht umlocktes Haupt, seine Haare zittern in den zitternden Grannen, sein reiner Atem vereint sich mit dem reinen Atem des Getreides, so liegt er still. Er betrachtet ohne Müdigkeit, ohne Sehnen, makellos in seiner holden, streng umschlossenen, mild bereiften Kindheit die Abendgestirne. Die Winzer kommen unter ihren Körben mit Reben, die Ziegelbrenner steigen aus den Toren der Ziegelöfen, wo warm ein rotes Licht brennt. Greise zeigen mit ihren Stöcken gegen den Himmel, wo ein neues Sternbild kreist, im eigenen Lichthof, wie von runden Wölkchen umkleidet, unter dem Diadem der zwölf Gefährten des Tierkreises ist es zu sehen, in fünf Farben funkelnd, von keinem Sternkundigen zu deuten. Die Sternzeichen alle kennt der Knabe, die Tiere erkennt er am Ruf, die Pflanzen an Blättern, Wurzel und Kern im Gehäuse. Die Sprachen der vielen Stämme, die in Babylon wohnen, weiß er alle, die Schriften zieht er nach, wenn er sie einmal gesehen hat, denn er nimmt Wissen an von Allen, die ihn belehren. Er ruht nach durchwachten Nächten schön unter Weiden, er pflückt Früchte im verlassenen Garten, bricht die Kolben von Mais aus dem Felde, um sie in seinen schmalen, blau gewirkten Gürtel zu zwängen, der seine engen, hohen Hüften umspannt. Linter den Hügeln verschwindet die Stadt. Um einen kleinen Brunnen dreht sich zu dem eintönigen Gesänge eines schwarzen Treibers abendlich ein müder Stier. Das Wasser fließt rein um Daniels Füße, die wie aus Stein geschnitten, die Zehen sind wie mit dem Meißel aus Silber gebildet. Es ist Herbst, ein reiches Jahr, die Flüsse kommen reich von den Gebirgen in die Ebene, nach den bösen Geschicken leben Alle eine gesegnete Zeit. Am zweiten Tage kehrte er zurück. Er schlief in einem kleinen Gelaß. Winzige, Schießscharten^ ähnliche Öffnungen ließen Luft in die kühle Kammer. Matter, abgestumpfter Schritteklang müder Kamele, die die Lasten gegerbter Felle in das Innere der Stadt tragen, bei Nacht, im kühleren Hauche. Es knarrten die ledernen Säcke an den Seiten der knöchernen Rippen, dumpf schallten die Schellen aus Messing um ihre mageren, langen Hälse. Linter leisem Pfeifengetön gingen sie vom nahen Brunnen. Der Knabe richtete sich vor dem Schlafe noch einmal auf. Über den ruhelosen Straßen erhob sich aus dem roten Straßenstaub der zart grün geschminkte Himmel früher Nacht. In blendendem Lichte stieg die scharfe Zacke des zunehmenden Mondes empor, zu schwebendem Wandeln, zu lautlosem Gleiten hoch über dem von rotem Dampf und Feuern umhauchten Turme Babylons. Es ver^ strömte in der Abendstille plätschernd die Brunnenquelle, es rauschte heimatlich der nahe Hain, es dufteten durch die Fäulnis der Verwesung die blau blühenden, hochgewachsenen Bäume. Er war aller Menschen Schüler, keines Menschen Sohn. Zu seinem Unterhalt mußte er arbeiten. Als unmündiger Knabe ging er in das Innere der Stadt, half den Kupferdrehern, den Panzerschmieden, hielt mit seinen kleinen Händen die aus Erz gewebten Netze, die aus Kupfer gegliederten Schuppen. Er 151

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