Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 4 (April 1924)
- Date
- 1924-04-01
- Page
- Seite 148 (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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BUCH, KUNST UND KÜNSTLER Goj!« Das hatte sie halblaut abgesungen, den Tonfall in aller Ursprünglichkeit reproduzierend. Woher konnte sie das nur? Ein warmer Strom stieg in ihr empor. Die Augen lachten,- dann wandelte sich ihre Miene,- die Mundwinkel zogen sich müde und unschön herab, die Augenlider hingen wie schwer über den blinzelnden Augen — das Ergebnis einer achtzigjährigen Entwicklung schien mit einem Augenblicke ausgetilgt: so »jüdisch« erschien sie jetzt. Dabei blitzte es hinter der Maske schalkhaft auf,- die Lippen übten murmelnd uralte Laute, aus nie gelebten Zeiten her merkwürdig vertraut. Mit rascher Bewegung riß sie sich die bunte Schärpe vom Hals, deren bäuerisches Muster eben noch zu erkennen war, und barg nach der Sitte der Judenfrauen ihr reiches Haar unter dem Kopftuch. — Jetzt horchte sie noch einmal auf die unter der dicken Bedeckung kaum vernehmlichen Atemzüge Georgs, und fuhr dann langsam mit schlaffer, wehleidiger Miene, Müdigkeit nicht bloß vorschützend, auf die Brücke zu. Am badischen Brüdtenkopfe lehnte ein Zollwächter. »Was habent Sie uf'm Wagen?« »Lejder su Fraiburch, Herr Kontrolleur?« stammelte sie ängstlich im echtesten Getthotone. »Fahrent zu!« brummte der Mann und klopfte seine Pfeife aus. Das Rumpeln des Wagens auf der Brücke weckte den Schläfer, er rührte sich,- jauchzend riß das Weib das Leder weg und warf es in den Rhein. Sie waren in der Schweiz. Schluchzend und lachend umarmten sich die Glücklichen. Das Mauscheln jüdischer Bettler konnte Madame Herwegh seitdem ohne Abscheu, ja oft nicht ohne Rührung hören. — BUCH, KUNST UND KÜNSTLER Scßafom Jaftoß ABraßamowitscß <Mendale Modier Sfarim) ist im Jahre 1835 'm Städtchen Kapuli {Gouvernement Minsk) geboren. Er durchzog ganz Litauen und Wolhynien, wo er mehrere Jeschiwoth besuchte und kam schließlich nach Kamenez Podolsk, besuchte später die Rabbinerschule in Shitomir, war dann längere Zeit pädagogisch tätig und wurde 1881 nach Odessa berufen, wo er bis zu seinem Tode <ic>i6> tätig war. Seine literarische Tätigkeit begann Mendale mit einigen kleineren pädagogischen Aufsätzen und einem dreibändigen naturwissenschaftlichen Werk in Hebräisch. Später wandte er sich der jiddischen Literatur zu und veröffentlichte die Erzählungen: »Dos klejne Mentschele«, »Wunschfingerl«, »Fischke der Krumer«, die allegorische Erzählung »Die Klatsche« und die Satire »Masaoth benjamin haschlischi« <Reisen Benjamin des Dritten) und das Drama »Priziw« <Assentierung>. Mit einigen kleineren Erzählungen, wie »Lo nachath b'jaakob«, <Keine Freude in Jakob), »Bijmej haraasch« <In den Tagen des Sturmes) kehrte Mendale zur hebräischen Literatur zurück und arbeitete in der Folge seine jiddischen Werke ins Hebräische um. Mendale Mocher Sfarim gilt unstreitig als der Begründer der modernen Literatur in beiden Sprachen und als der bedeutendste Schilderer jüdischen Lebens und wird als der »Seide« (Großvater) beider Literaturen bezeichnet. Andre Spires Bild in diesem Hefte stammt von dem ausgezeichneten, in Paris lebenden jüdischen Maler Teder. Es befindet sich im Jüdischen Nationalmuseum in Jerusalem. Artßur Paunzeii, akademischer Maler und Radierer in Wien, erhielt seine künstlerische Ausbildung beim Wiener Maler Ludwig Kocfi und an der Pariser Akademie. — Außer einer großen Anzahl von Einzelblättern erschienen von ihm die Zyklen »Mahlers Lied von der Erde« und »Beethoven«. Der 34jährige Künstler arbeitet derzeit an einer BibeLMappe und einem Gemälde »Hiob«. Von letzterem bringen wir diesmal eine Studie. Es sollen in einer der nächsten Folgen das vollendete Werk »Hiob« und einige Blätter aus dem BibeLZyklus erscheinen. — »Die Tanzende« befindet sich im Besitz J. Pauli <Wien>. NEUE BÜCHER Besprochen von Professor Dr. S. Kraus, Cßajt'/n Kofffer, Josef Kafmer, Eugen Hoefficß Ludwig Meidner. Band 4 der Sammfung „Junge Kunst". CKßnßßardt 'S) Bier mann, Leipzig, 1923J Die zweite Auflage dieses Buches enthält statt einer einleitenden kunsthistorischen oder kritischen Skizze einen autobiographischen Essai des Malers, in der besonders die Ausführungen über die innerficße Arbeit des schöpferischen Künstlers, ehe er an die manuelle Durdi* führung seines Werkes geht, wertvoll sind. Meidner leitet zum Beispiel aus der jahrelangen Arbeit vor der Natur die Berechtigung ab, schließlich eine Art esoterischer Landschaft zu malen oder zu zeichnen und negiert die von den Impressionisten aufgestellte Forderung nach konstanter Arbeit vor dem Objekt der Darstellung. Auf diese Art hofft er die Wirkungen Renoirs des Sinnliehen und des religiösen Cornelius synthetisch verarbeiten zu können. Etwa in seinem Werk erscheinende Schlacken weiß Meidner durch das Unvermögen des Menschen, sich über seine Zeit zu stellen, zu begründen. Das beigefügte, historisch geordnete Bildermaterial, zeigt Meidners Weg vom Expressionismus zu einem milderen, manchmal klassisch gemahnenden Formenreichtum, der besonders bei den Radierungen in Erscheinung tritt. J. K. Tüßrer der Unscßfüssigen. Von Mose ßen Maimon. Ins Deutscße üßertragen und mit erßfärenden Anmerkungen verseßen von Doßtor 148