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Das Zelt · 1924-04-01 · Heft 4 (April 1924) · p. Seite 147

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 4 (April 1924)
Date
1924-04-01
Page
Seite 147 (sequence 39)
Language
German
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MADAME HERWEGH jungdeutschen Dame war Goethe der »Kunstgreis«. Schon im Vaterhause gewohnt, sich in einer leiden* schaftlich liberalen Gesellschaft zu bewegen — stand doch noch die Gleichstellung der Juden zur Dis* kussion — verabscheute sie alle Literatur, die nicht »lebendig«, das heißt politisch war, andererseits war sie mit allem Ungestüm ihres Temperaments männlichen Leibesübungen ergeben. Die vierte Generation des Reichtums hatte hier neben schlaff schwelgenden Brüdern in dieser Frau eine herrliche, fast königliche Erscheinung gezüchtet, die höchstens eine immer wieder durchbrechende Lebhaftigkeit von der kraftvollen Eleganz einer dunkelhaarigen Lady unterschied. Ihrer Verfeinerung fehlte die Ruhe selbstverständlichen Besitzes,- so hielt sie sich mit instinktivem Haße zum Beispiel königsberger Verwandte ihrer frühverstorbenen Mutter fern, in denen sie jüdische Schacherer verachten zu müssen glaubte. In der Tat, welch ein Gegensatz schon in Sprache, Gang und Mienenspiel! In aller Pracht ihrer Gestalt, der nachdrücklichen Klarheit ihrer reinen, raschen Rede war sie keineswegs eine harmonische Natur. Sie kannte Stunden des Lebensüberdrusses,- ihr eiserner Georg sollte ihr der Führer zu ruhiger Kraft des Charakters werden. In ihren Phantasien mengten sich die Gedanken radikaler Demokratie so seltsam mit Vorstellungen, die feudaler Geschmacksrichtung entstammten, daß sie an manchem frischen Sommermorgen auf ihrem edlen englischen Halbblut über den feuchten Sand der Tiergartenwege jagte, die Marseillaise im schweben* den Rhythmus der Kavalleriesignale summend. Dann sah sie sich mit Georg eine stürmische Attacke reiten gegen alle Mächte der Finsternis, So träumte sie jetzt, als sie im letzten Licht des feuchten Frühlingstages zu dem blaudunstigen Rheintal herabkarrte. Mit dem süßen Hauche blühender Obstbäume trat ihr die ganze berauschende, gefahrvolle Gegenwart wieder vor die Seele. Dieses herrliche Leben durfte sie ihrem Manne retten, noch viele Blütenbäume und Abendwolken sollte er mit leuchtenden Augen trinken! Einen Bauer sah sie von fern auf dem Wege entgegenkommen. Da fiel ihr wieder ihr Kostüm ein und daß sie eine Rolle zu wahren habe. Bäuerin! Er hatte auf die Bauern gerechnet, Herwegh, sie waren es ja, denen er das Heil bringen wollte,- wie stürmisch hatte er ihr auf einen zweifelnden Einwand ihren Kleinmut verwiesen! Jetzt, wo sie so grausam recht behalten hatte, empfand sie ein tiefes Leid im Gedanken an den edlen, getäuschten Mann, und wie ein Symbol erschien es ihr, daß sie in dieser Stunde die einzige im ganzen Vaterlande war, im ganzen zertretenen Volke, die im Bauernkleide dem Volke seinen Helden, seinen Retter für die Zukunft bewahrte. Der Bauer, der jetzt herankam, war ihr wie ein armer irrender Bruder, dem sie eine geheime Wohltat bereit hielt. Um das Gefährt vorbeizulassen, war der Bauer ein wenig die Böschung des Hohlweges hinaufgetreten. Es war schon dämmerig. »Chumet von Schopfchem? wisset ouch wies die Franze hinte laufe machet han?« So sprach er schmunzelnd, nach Landesart Frage und Gruß verbindend. »Ei ja, guter Mann,« sagte sie munteren Tones, »gehts hier zur Rheinbrücke hinab?« Mißtrauisch stutzte der Mann beim Klang der ungewohnten Laute. »Weset wohl Fremde hie, sprechet wie e preusche Wible?« Die Verkappte erschrak und gab dem Pferde die Peitsche. Der Alte ging kopfschüttelnd seines Weges. Madame Herweghs Triumphgefühl war verflogen,- die Gefahr zeigte wieder ihr hämisches Grinsen. Ja, zum ersten* mal kamen böse Zweifel. Also an so einer Bagatelle, an ihrer norddeutschen Aussprache sollte alles scheitern! An dieser Rheinbrücke waren kaum Soldaten, gewiß aber badische Zollwächter. Die Ladung ungegerbter Häute, mit der sie sich unverdächtig machen wollte, würde Niemanden täuschen können, wenn sie mit jedem Laute verriet, sie sei nicht, was sie scheinen wolle. Der Weiber von Weinsberg Spiel hatte sie spielen wollen und jetzt kam die böse Geschichte vom Wörtchen »Schiboleth« — wie kam sie doch gerade darauf? Eine unheimliche Ähnlichkeit! Ob die Juden wohl auch Dialekte, Stämme wie Preußen, Schwaben .... ach ja, die zwölf Söhne Isaaks, nein Jakobs — aber das war ja pure Torheit! Einen Ausweg! Vergeblich versuchte sie schwä* bische Redensarten. Aber es ging um Tod und Leben des Mannes, der da schon wie tot den Schlaf der Erschöpfung schlief. Sie konnte zum erstenmal ihre Gedanken nicht beherrschen. Wie es eben in großen Gefahren geschieht, drängte sich längst Vergessenes herzu und hemmte ihr angstvolles Suchen nach Rettungswegen. »Was tun?« murmelte sie mechanisch,- »mein Gott, was tu ich?« Dabei jagte eine Flucht wirrer Bilder durch ihren Geist. Und plötzlich, wie ein grausamster Hohn, war da die verhaßte Miene des königsberger »Schacher^Onkels«, so wie er aussah, wenn er wieder einmal erzählte, wie Großvater selig von Kaiisch nach Königsberg gekommen sei, »mit nix als'n Pinkl«, mit anzüglicher Redensart schließend: »Ä Jüd« — wenn er wenigstens Jude gesagt hätte — »is ä Nebbich as ä Jüd,- ä noch groisserer Nebbich is ä Jüd, wo will sich spiln afn 147

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