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Das Zelt · 1924-04-01 · Heft 4 (April 1924) · p. Seite 146

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 4 (April 1924)
Date
1924-04-01
Page
Seite 146 (sequence 38)
Language
German
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MADAME HERWEGH VON PAUL AMANN Nach dem Gefecht bei Dossenbach in Baden am Nachmittag des 27. April 1849, wo württembergisch^ preußische Truppen Georg Herwegh mit seiner Freischar aus deutschen und französischen Republik kanern schlugen, hielt hinter dem Dorfe an der Schopfheim—Baseler Straße auf einem Korbwäglein, inmitten eines kläglichen Getümmels strack und spähend aufgerichtet, eine große Frau in bäuerlicher Kleidung, die ihre Herkunft aus dem baseler Land anzuzeigen schien. Im elenden, schmutzbedeckten Haufen der Männer, die, von einer echt französischen Krise gebrochenen Sanguinismus angesteckt, haltlos flohen, vom Gespenst eines Todes hinter preußischen Festungswällen gehetzt, erblickt sie endlich ihren Mann — Herwegh. Zu Fuß, ohne seinen federgeschmückten Kalabreser, kotbespritzt, aus einer Gesichtswunde ein wenig blutend, windet er sich auf ihren lauten Anruf durch die schamvoll stummen Flüchtlinge bis zu ihr,- die von vergeblichen, zuletzt verzweifelnden Kommando^ rufen gebrochene Stimme versagt ihm,- er klettert mühsam rückwärts auf den Wagen. Aber einen Bauernkittel, den ihm die Frau über die Phantasieuniform ziehen will, deren Verschnürung zerfetzt herabhängt, lehnt er ab mit müdem Blick auf die bunten Blusen, die der traurigen Truppe jetzt folgen, in seiner stummen Erschöpfung wie ein trotziges Kind. Die Frau bemerkt die Kugelschramme unter dem Auge und steht von der aussichtslosen Ver^ kleidung ab. In den drei Augenblicken dieser Szene ist die Straßenbiegung leer geworden,- wie die langsamen Tropfen eines anhebenden, tüchtigen Bauernregens klatschen die Kugeln vom erstürmten Kirchberg in den Kot der Straße. Es ist höchste Zeit,- da drängt das entschlossene Weib den Mann unter die ungegerbten Häute, die über dem Wagenkorbe liegen, deckt ihn sorgsam zu und er leidet es willenlos. Sie hat die derbe Peitsche gefaßt, und mit kundiger Bewegung der Zügel bringt sie das kleine starke Bauernpferd in Gang, so rasch es auf der aufgeweichten, arg zertretenen Straße gehen will. Das Gewehrknattern hinter ihnen erstirbt,- sie glaubt die Rettung halb vollendet,- plötzlich steht das Tier zitternd, aber die kräftige Hand der scheinbaren Bäuerin zwingt es nach scheuen Seitensprüngen wieder in Trab, aber seitwärts — die Frau sieht es eben noch wie ein böses rotes Fieberbild — wälzt sich jammernd ein armer Blusenmann mit klaffender Säbelwunde im Schädel, und vorne, kaum tausend Schritte weit, sieht sie preußische Dragoner trabend hinter einer Straßenhebung verschwinden. Also —» die baseler Straße ist gesperrt. Mit einem Aufblitzen der klugen Schwarzaugen lenkt sie den Wagen mit seiner teuren Last links auf den Karrenweg, der sich, tief eingeschnitten, nach mancher Biegung auch zum Rheintale senkt. Die ärgste Gefahr war vermieden. Hier war kein Zusammenstoß mit Soldaten zu befürchten. Der Sturm von Energie und Mut, welcher der jungen Frau Schlag auf Schlag die richtige Tat in Sinn und Hand gegeben hatte, brach jetzt in stummem Übermute los. Wie waren sie von einem Weibe angeführt, die dummen, eingebildeten Offiziere mit ihren geschnürten Leibern und hohlen Köpfen! Diese Gliederpuppen von Soldaten ohne Initiative! Mochten sie doch jetzt ihren Georg suchen. Der Mann im Wagen rührte sich nicht,- in totenähnlichem Schlaf löste sich die Überanstrengung der letzten Wochen. Der Frau spannte ein tiefes Ausatmen das bunte Tuch über der kräftigen Brust,- mit leichtsinnigem Behagen genoß sie die Lust der Verkleidung. Sie dachte an jenes berliner Maskenfest vor fünf Jahren, wo sie ihren Schwaben Georg als schwäbisches Bauernmädel überrascht hatte,- er aber, als Ulrich von Hutten, gepanzert, etwas zu schlank vielleicht, aber ein herrlicher Mann, die »eisern schwirrende Lerche«, wie ihn Heine angerufen hatte. Reißt die Kreuze aus der Erden, Alle sollen Schwerter werden . . . deklamierte sie damals mit ihm, und so auch Alle, die Jugendkraft für idealen Heldendrang nahmen. Damit hatte er ihrs angetan. Damals erschien er ihrer herben Amazonennatur als ein Mann, wie Keiner sonst,- jetzt hing sie an dem Gebrochenen, weil sie sein Weib war. Nur darin vielleicht war diese Jüdin Mendelsohns Tochter Dorothea gleich, daß sie mit Geringschätzung der Männer des eigenen Volkes sich an einen glänzenden Mann der »Andern« grenzenlos hingab, ihr Frauenherz dem Selbstsinn einer problematischen Natur durch alle Abgründe einer unsteten Lebensbahn willig opfernd. Aber nur diese Ähnlichkeit des Lebensganges, über die ihr eine glückliche Blindheit bis an den Tod scheint vorgehalten zu haben, dürfte sie mit jener ersten Generation gebildeter Jüdinnen in Berlin verbinden, in deren Kreise Goethe ein Gott, die Brüder Schlegel und Varnhagen Propheten waren. Unserer 146

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