Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 4 (April 1924)
- Date
- 1924-04-01
- Page
- Seite 145 (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WANDDEKORATIONEN IM MOSKAUER JÜDISCHEN THEATER wendigste eingeschränkt, damit die Transportabilität nicht leide. Erst als größere jüdische Gemeinden, vor allem die besser organisierten der Großstädte, daran gehen konnten, sich Saison* oder gar ständige Bühnen zu erhalten, konnte das Spiel aus dem Zufallssaal in einen ständigen verlegt und ein größerer Fundus angeschafft werden, bei dem auf eventuelle Gastspielreisen der Truppe nicht mehr Rücksicht genommen werden mußte. Das eigene Theater, den eigenen Bau, das heißt die zweckentsprechende Adaptierung eines bereits bestehenden Gebäudes ermöglichte in Rußland die Revolution. Hier nun zeigt sich, wie weit jüdischer Geist denkt. Die Theater, auch in den westlichen Kultur* Zentren Europas, sind Bauten, die Bühnen* räum und Zuschauer* räum genau trennen. Das jüdische Theater in Moskau sollte ein Raum der Gemeinschaft werden. Das zu errei* chen, war auf doppelte Art möglich: durch unge* schiedenen Zusammen* hang zwischen Akteur und Auditorium <etwa nach Art der Shake* speare Bühne) oder durch den Versuch, eine Einheit der Kunst zu schaffen, das heißt, das Publikum von vornherein so mit theatralischem Milieu zu umgeben, daß es die noch aus der Barockzeit stammende Teilung des Raumes vergesse oder überwinde. Diese Arbeit übernahm der Maler Marc Cßagaff aus Witebsk. Chagall ist die markanteste Erscheinung unter den jüdischen Malern Rußlands, er ist durch alle Fegefeuer westlicher Kunst gegangen: Chagall war der geeignetste. Er hat die Aufgabe, die einen synthetischen Zweck erfüllen sollte, durch eine analytische Arbeit gelöst. Er hat die Wände mit freskenartigen Malereien geziert, die das Auge des Zuschauers beschäftigen mußten, indem sie ihm nicht nur jüdische Volks* und Guigneltypen <etwa die derPurimspiele) präsen* tierten, in denen auch des Ursprungs alles Theaters, des Spektakel* haften, gedacht war. Chagall hat dem Be* schauer auch Form* Probleme zu lösen ge* geben, die er aus der Kunst des Okzidents übernommen hatte. So entstand eine Darstellung nationaler Typen, die mit Ele* menten moderner Kunst durchtränkt war, und da* durch nicht nur jüdische Kunst erhaltend, son* dem auch neue Wege weisend wirkte. 145