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Das Zelt · 1924-04-01 · Heft 4 (April 1924) · p. Seite 137

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 4 (April 1924)
Date
1924-04-01
Page
Seite 137 (sequence 29)
Language
German
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NEUE MUSIK nur zum Teil verantwortlich. In ihrer höchsten Spitze war gerade sie der Versuch, die Kollektiv vität der auseinandergefallenen und aufgeklärten Menschheit wiederherzustellen. Erst in der späteren Romantik — und mit ihr in der Musik Richard Wagner — wurde die Kunst psychologisierr, wurde sie zum bloß persönlichen Bekenntnis. Zwar wollte auch Wagner das ideelle Band, aber seine absolute Verlogenheit der Geste hinderte ihn an der Wirksamkeit seines »Ethos« — so wurde Bayreuth in der Tat zu einer großen Farce in der Tragödie Wagner. Darin aber hat Bekker recht: die Psychologie sierung der Musik führte sie ab von ihrer eigentliehen Wesensbestimmung: von dem Spie f. Hier meint er jedoch nichts anderes, als was jener »latente Orientalismus« meint: die Musik afs Begfeitenn des Tanzes und der Aufzüge, afs Aussprecßerin der Rßytßmiß affes LeBendigen, afs Bewegerin affes Rußenden, afs Gesang affes sprecßßaren Wortes. Der Orient und die südlieberen Völker des Okzidents kennen die Musik nur als Spiel, nicht als Aussprache der Gefühle, nicht als Mitteilung optischer oder sonstiger Reize. Aber hier ist wohl nicht zu übersehen, daß diese Psychologisierung der Musik implizite schon in der europäischen Harmonie liegt, weil diese Harmonie es ermöglicht hat, schlechthin alles Materielle und alles Psychologische naeßzuaßmen,- weil sie eben durch die Aufgabe des Spielcharakters zur Aussagerin privatpsychologischer »Gefühle« werden mußte. In der Wiederbetonung des Spielcharakters der Musik liegt also nur eine weitere Bestätigung des inneren Ztvanges, der Bekker zu der jüdischen Musik führte. Im übrigen gibt es aber eine psychologische Methode der Betrachtung, die durch diese Absage nicht tangiert wird: die cßarafiterofogiscße. Gerade sie ist notwendig für die Loslösung des Judentums aus den Organismen der übrigen Völker. Sie gibt uns auch den Schlüssel zu den eigentlichen Wesensgegensätzen des Juden — und mit ihm des Orientalen — zu dem Abendländer. In der Musik setzt sie in allererster Linie bei dem Problem: Mefodie contra Harmonie ein. Der Orientale ist reinster Zeitmensch, er lebt in der Linearität, und darum ruht das Schwergewicht seiner Musik ganz auf Rhythmik und Melodik, den rein zeitlichen Elementen der Musik. Der Okzidentale ist reinster Raummensch, er lebt nicht »flächenhaft«, sondern »perspektivisch«, und darum ruht das Schwergewicht seiner Musik ganz auf der Harmonik, die das Produkt nur perspektivischer Musikalität ARTUR PAUNZEN TRAUERNDE ist. Mit diesem charakterologischen Gegensatz <der im höheren Sinne ein rein metaphysischer ist) haben wir ein psychologisches Grundthema, das sich nun in seine verschiedensten Auszweigungen verfolgen läßt, was ich auch in einem Versuch und in einer Reihe von Aufsätzen bereits getan habe. Außerdem ist auch die Musik des reinen Spieles nicht ganz von psychologischen Inhalten loszulösen. Leidenschaft und Verzweiflung, Liebe und Haß, Freude und Schmerz sind psychologische Fakta, ohne die es keine Musik gibt,- allerdings, es sind Urfakta, noch nicht hindurchgegangen durch jene differenzierten »Gefühle«, die Bekker wohl in erster Linie meint. Man vergesse weiterhin nicht: auch Tempo und Akzent sind Mittel des Ausdruckes, sind Ausfluß rein psychologischer »Stimmungen«, wie denn der Rhythmus vorzugsweise »psychologischen «Ursprungs ist. Hier hätten wir allerdings noch zu unterscheiden zwischen Psychologie und Pneumatologie, zwischen empirischer und dämonischer Psychologie. Doch dies würde den Rahmen dieses Aufsatzes übersteigen, und so sei denn abschließend nur noch gesagt, daß Bekker auf alle Fälle das entscheidende Problem der musikalischen Zukunft mit diesem Buche aufgeworfen hat. Ob es sich dabei auch um die europäische Musik handelt? Ich möchte es mit Bekker bejahendenn die Zukunft affer Musik kann nur auf dieser Linie liegen, die die beiden Juden Mahler und Schönberg mit der Konsequenz fanatischer und schöpferischer Unbedingtheit beschritten haben. 137

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