Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 4 (April 1924)
- Date
- 1924-04-01
- Page
- Seite 138 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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A. FEDER ANDRE SPIRE ANDRE SPIRE VON HANS KOHN (LONDON) Andre Spire, der 1867 in Nancy geboren wurde, ist der größte lebende Diditer jüdischer Rasse in Frankreich. In ihm wirken zwei Kräfte: die alte geplagte lauschende Judenseele und das helle zärtliche Auge des Franzosen, des Erben Griechen^ lands. Er liebt das Leben, mit einer klaren heiteren Sinnlichkeit, seinen Glanz, seine Versuchungen die Schönheit der Welt lockt ihn, zieht ihn zu sich, Frauen und Städte, Himmel und Flüsse, Bücher und Tränen. Mit seltener Kraft und Jugend^ lichkeit wird sie noch der Fünfzigjährige singen. Aber in seinem Blicke ist immer noch etwas Tieferes: ein. fassungsloses Erstaunen, ein Erschrecken ob allem Leid. Eine Absage an die bloße Freude der Schönheit. Ein gequälter Aufschrei bricht aus ihm: »Und ihr könnt noch lachen!« Jahre später wird derselbe Mann im Anblicke der Greuel des Krieges in den Schmerzensruf ausbrechen: »Und ich habe den Frieden gewollt.« Und das Bewußtsein seiner Hilflosigkeit, die Erkenntnis der Menschennatur, der Verzicht auf so manchen naiven Jugendtraum wird ihm jene klare Stille geben, die keine Illusion mehr kennt, die keinen Selbstbetrug mehr duldet. Will er sich aber ferne von sich selbst in liebliche Bilder flüchten, bricht immer wieder der Protest aus ihm hervor, gegen diese Welt der Ungerechtigkeit, die man nicht ändern, aber auch nicht hinnehmen kann. Er möchte glauben, wie einst die Propheten,- aber er kann es nicht. Er möchte auf den bunten Wiesen heiter spielen,- aber es bäumt sich etwas in ihm dagegen auf. Aus dem Kampfe zweier Kräfte bleibt als letzte Zuflucht ein leiser gütiger Spott, eine offene Mitliebe und Hilfsbereitschaft, eine verschwindende Hoffnung, an die man nicht mehr zu glauben wagt und worüber man unglücklich ist. Hier eine Probe der Dichtung Spires. Eine der stärksten Dichtungen dieses Mannes, ist sie repräsentativ für seine Kunst,- nicht ein Aufruf zum Angriff ist dieses Gericht, sondern ein Aufruf zur Abwehr, gequälter Schrei des Sohnes eines gequälten Volkes, der den Frieden sucht und um des Friedens willen zu den Waffen ruft. 138