Mannheim
Compact Memory

Das Zelt · 1924-04-01 · Heft 4 (April 1924) · p. Seite 133

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 4 (April 1924)
Date
1924-04-01
Page
Seite 133 (sequence 25)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3139318-3133277-3133281--176-3133479
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DIE MENORAH erzählt, wie die Heiden die Juden bedrängen und den Tempel verunehren und die heiligen Geräte, wie das heilige Öl knapp wird und durch ein Wunder nur reicht. Und er erzählt, wie die Helden der Makkabäer aufstehen und die Heiden verjagen und den Tempel reinigen und ihn wieder heiligen. Nicht alles versteht der Junge, aber das weiß er: er will sich einen Säbel machen und ein Held werden wie Juda Makkabi und seine Brüder. Und das schwache Licht der Lampe spiegelt sich in dem blanken Messing und Strahlen huschen über die Decke und in den Strahlen sieht der fiebernde Junge alles, was ihm der Onkel erzählt. Als Heinrich gesund in die Stadt zurückgekehrt war, vergaß er bald des Bergfriedhofes, des Leuchters und der Makkabäer. Die Mutter wußte von nichts und wies mürrisch die neugierigen Fragen ab, an den Vater aber, der müde und vergrämt abends nach Hause kam, wagte er sich gar nicht. Später wurde ihm die Geschichte der Helden seiner Kindheit eine lästige Prüfungsfrage wie das große Einmaleins und die Grammatik. Bis Mittag hielten sie in den eilig aufgeworfenen Gräben, dann wurde das Feuer stärker, die erdbraunen Sturmwellen, hundertmal niedergemäht, erhoben sich hundertmal und kamen näher, schon hörte man ihr Gebrüll, erst ganz dünn, dann immer lauter. Plötzlich war Heinrich auf einer Straße, die Köpfe in die Schultern gezogen, liefen sie eilends. Es zischte und fauchte über ihnen. Rings fremde Gesichter, Keiner aus der Kompagnie. Ein Blitzen, ein Lärm, wie wenn Seide zerreißt, stinkende Rauchschwaden. »Ein tieftempiertes Schrapnell,« sagte hinter ihm der Einjährige. Gleich hörte man auch Verwundete aufschreien. Heinrich fühlte wie einen Peitschenhieb am Arm. Die Hand wurde schwer. Dann rieselte es warm herunter. Dunkel wurde es ihm vor den Augen. Der Einjährige sprang mit ihm hinter einen Busch, machte ihm einen Verband, ließ ihn aus der Feldflasche trinken, dann trabten sie weiter. Viele warfen die Gewehre weg, man verließ die Straße und stolperte querfeldein. Ein Reiter galoppierte durch die Menge, feindwärts und schrie den Flüchtenden etwas zu, Keiner achtete darauf. Heinrich war so müde, so matt. Hinter Buscha werk zeigte sich ein Dorf, die Hütten verstreut, an den Rändern einer lehmigen Mulde. Offiziere hielten den Strom auf und suchten ihn verteilt an den Ortsrand zu lenken. Man warf wieder Gräben auf. Heinrich mit der blutbefleckten Binde ließ man passieren. Langsam und langsamer ging er durch die kotige Dorfstraße. Er hielt sich an dem hölzernen Vorbau eines Hauses an, er konnte nicht weiter. An der Tür war eine kleine Büchse, die erinnerte ihn an etwas. Er wußte nicht mehr woran, er war so müde. Die Tür stand offen, die Stube war leer. Sie zeigte Unordnung, Laden waren offen, Kleidungsstüdte lagen auf dem Boden. Heinrich warf sich auf den Strohsack eines Bettes. Von weiterher hörte man Lärm, sonst war es rings stille, nur hie und da ein Schritt auf dem kotigen Boden. Es ging gegen Abend und durch das Fenster sah er rot die Dämmerung. Da fiel sein Blick auf einen glänzenden vielarmigen Leuchter. Lange, lange Jahre waren verschwunden und er lag bei dem Onkel Ignaz in dem warmen, weichen Bett. Und der Onkel erzählte, erzählte. Und der Junge wollte auch ein Schwert schwingen, die Hand tastete nach dem Bajonett, das er umgeschnallt trug, es fühlte sich feucht an, blutig. Ein Sausen kam durch die Luft, und noch eins, ein dumpfer Knall und einer nach dem andern. Heinrich aber sah nur das Blinken des Leuchters. Was konnte ihm geschehen, er lag in guter Hut und hinter dem Hause stieg der Berg an, auf dem der »gute Ort« lag. Er sah den Schein nicht, den auf dem nächtlichen Himmel die brennenden Häuser warfen. Da zuckte es betäubend, der Boden erzitterte, Heinrich aber glaubte die Hand des guten, alten Onkels zu halten und der erzählte . . . »und da die Sonne aufgegangen ist und geleuchtet hat auf die goldenen Schilder, da schien das ganze Gebirge davon als wäre es nichts als Feuer«. Hinter den Hügeln aber, im Osten, stand der russische Kanonier Leib Herschowitz aus Lodz, er hatte eben den Schuß gegen das Dorf abgefeuert. Auch um ihn begann es einzuschlagen, denn die österreichischen Kanonen fingen an. Da zog er ein Buch aus der Tasche seines braunen Mantels und halb über das Stahlrohr gebeugt, sagte er das Gebet Derer, die sich in Lebensnot befinden. 133

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.