Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 4 (April 1924)
- Date
- 1924-04-01
- Page
- Seite 132 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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DIE MENORAH VON LEO FISCHMANN Ein staubiger Spielplatz, diese gradlinigen leopoldstädter Straßen, armselige Auslagen, oft in den Wohnungsfenstern, verbogene, halb unleserliche Blechschilder. Der Prater ist nah, aber doch so ferne. Die Mutter hat es unter Drohungen verboten. Heinrich glaubt nicht mehr an den schwarzen Mann. Aber andere Knaben sind dort, daß weiß er, die ihn »Jud« schimpfen und mit Schlägen bedrohen. Dann ist die breite Praterstraße dazwischen, mit vielen Menschen, Fuhrwerken und Getümmel, die alle des kleinen Buben nicht achten. Man wird gedrängt, gestoßen, verliert sich, verirrt sich. Er weint schon bei dem Gedanken, nicht mehr nach Hause zu finden, doch weiß er kaum, wen er mehr bemit* leiden soll, sich selbst, den kleinen verirrten, hilf* losen Buben, oder die Eltern daheim, die sich ängstigen. Kurz, er bleibt vor dem Hause, so daß er immer das Haustor und die Fenster noch sehen kann. Dort spielt er. Mittags ruft ihn die Mutter. Manchmal ist auch der Vater schon da, manchmal kommt er erst abends. Alle Tage. Nur Sonntags bleibt der Vater zu Hause. Dann sind alle Geschäfte gesperrt, Samstag noch einige. Die Straßen sind ruhiger, bis auf die Praterstraße. Nidit weit ist ein großes Gebäude. Man erklärt ihm, daß es eine Kirche sei. Man hört Musik und stark riechende Weihrauchwolken dringen ins Freie. Viele Menschen steigen die Treppen hinauf. Heinrich möchte auch hin und zerrt die Mutter. Heinrich bekommt Schläge und weint. »Du bist ein Jud,« heißt es, »gehörst nicht dorthin.« Der Vater sagt es, der Bursch versteht es nicht, nur die Schläge und Jud bleiben in seiner Erinnerung miteinander verknüpft. Einmal, im Frühjahr, wird Heinrich krank. Er hustet, die Mutter ängstigt sich über sein Aussehen. Tante Berta kommt und holt ihn aufs Land. Heinrich fährt in der Bahn, die Tante füttert ihn mit gutmütiger Grobheit aus dem mitgenommenen umfangreichen Korb. Bei Onkel und Tante gibts viel Neues. Sie wohnen in einem niederen Hüttchen und führen einen kleinen Kramladen. Die Straße führt daran vorbei und steigt in vielen Windungen zum Friedhof. Für die toten Juden war die steile Berglehne gut genug. Im Frühjahr und im Herbst schwemmte der Regen die Erde weg und deckte die armen, nackten Gebeine auf. Jedesmal müssen die Gräber neu gemacht werden. Wie der Juden Leben, so ist ihr Tod. Bemooste Steine stehen windschief und zermürbt zwischen den dürftigen windgepeitschten Bäumen. Wolken ziehen tief über den Berghang und wollen sich in den Zweigen ver* fangen. Erst spät vermochten die Juden für den »guten Ort«, wie ihn der Onkel nennt, auch die Fläche des Berges zu gewinnen. Dort können sie ruhig schlafen. Der Onkel zeigt ihm auch Großvaters Leichenstein, der steht ganz schief auf dem Hang, nahe der Mauer und neigt sich zu ihr, als wollte er dort eine Stütze finden. Vaters jüngster Bruder liegt schon auf der Höhe. Heinrich weiß nicht genau, was es heißt, tot sein, aber er ist ganz still, wenn er auf dem Friedhof ist. Geht neben dem Onkel und läuft nicht zwischen den Gräbern umher, auch wenn man ihn nicht an der Hand führt. Wenn der Onkel halblaut ein Gebet murmelt, so bewegt auch der Knabe die Lippen und spricht unverständliche Silben. So macht er es auch, wenn er Freitag abend oder Samstag früh zum Gottesdienst mitgenommen wird. Er bewegt sich im Rhythmus, wie er es von den Großen sieht. Hinter einem hölzernen Gitter sitzen die Frauen, unter ihnen die Tante. Aber im Laden ist es lustiger. Heinrich hilft ver* kaufen, Zucker, Kaffee, Salz, Peitschenschnüre, Zünd* hölzchen, alles gibt es in dem Laden. Dahinter liegt eine kleine Kammer, in der bekommen gute Freunde auch ein Gläschen Schnaps. Ganz heimlich, denn das ist verboten. In der Kammer schläft auch Heinrich in einem kleinen eisernen Bett. Da wird er wieder krank. Vielleicht hat er im nassen Gras gespielt. Die Tante zieht ihn aus und legt ihn in das große Doppelbett in der Stube, alle Decken und Polster häuft sie über ihn. Dem Bett gegenüber, zwischen den kleinen niedrigen Fenstern, steht eine Kommode. Eine weiße gestrickte Dedte liegt darauf. Da stehen farbige Gläser mit Sprüche lein, Vasen mit bunten Papierblumen. Den Ehren* platz in der Mitte aber nimmt ein Ding aus Messing ein, ein Leuchter für neun Kerzen, links und rechts ein seltsam gestalteter Löwe. Wenn der Bub so im Bett liegt, dann blinkt von der dunklen Wand der Leuchter und bannt sein Auge. Der Leuchter erscheint in seinen Träumen und die beiden Löwen. Und er fragt. Am Abend erzählt der Onkel, der Laden ist geschlossen, die Petroleum* lampe bläkt. Nur selten hört man draußen einen Schritt über das regenfeuchte Erdreich. Der Onkel 132