Mannheim
Compact Memory

Das Zelt · 1924-04-01 · Heft 4 (April 1924) · p. Seite 131

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 4 (April 1924)
Date
1924-04-01
Page
Seite 131 (sequence 23)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3139318-3133277-3133281--174-3133477
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

TRAU WELT dienender Triebe, die gestern in Demut dienten, heute im Tanze und morgen im Blute des Martyriums. Ein dritter Tanz: damals in Konia, als die Ruffaje tanzten, blutigen Schaum auf den Lippen und lang hinhallendes La=ill=la=ha. Dienend aus ihrer ganzen kraftvollen Wildheit im fanatischen Tanz, jubelnd dem Übermächtigen dienend, stets bereit zu sterben, auch im Tanze, für die Wahr^ heit ihres Glaubens. Das alles trat wieder vor mich, als ich diese Jüdin tanzen sah. Wenn auch der Rahmen, der sie umschloß, durchaus nicht orientalisch, die Musik, nach der sie tanzte, westlich genug war. Ihr Blut aber, das die elementare Wildheit, die derbe, fast knabenhafte, ganz undeutsche Art, stark und eindeutig abgrenzte von ihrer Umgebung, dieses Blut ist unser Blut, das schwer ist in seiner Melancholie und unbändig, wo es fessellos stürmen kann an die Grenzen des Begreifbaren. Alle Geheimnisse des Ostens tanzt sie mit ursprünglicher Hingabe, die nur der naturhafte, der religiöse Mensch kennt, dem der Tanz natürlichste Ausdrucksform tiefsten Empfindens ist, Hoffnung und Verheißung. Der östliche Mensch. Mitunter zwar ist die mißbildende europäische Schule — der Zwang zum Kunsttanz nicht zu übersehen, aber diese wilde Unbekümmertheit wird auch die Grenzen und die Gesetze, in die der Westen den Tanz einzwängt, überspringen, denn aus diesem Tanz schreit die unterdrüdtte Natur mit elementarer Stärke auf. An den Westen sich verlieren, hieße hier, den Tanz seiner Heiligkeit entkleiden. Mura Zyperowitsch stammt aus Odessa. Hinter Odessa aber beginnt die große Steppe mit ihrer unermeßlichen monotonen Melodik. Noch hängen in ihren Lüften die Rufe der Chasaren, jener jüdischen Reiter einer großen Vergangenheit und ihr Boden sah die Tänze chasarischer Weiber an den Feuern des Abends . . . Ein großer, harter, wilder Ruf liegt in dem Tanz dieser Jüdin, ein Ruf aus den Zeiten der Chasaren und eine Stimmung, wie sie mich immer wieder aus Gobineaus »Tänzerin von Samakha« ergreift. Wenn die Zyperowitsch nicht dem Westen untere liegt, wenn ihr Tanz nicht verlevantienert, wird sie eine orientalische Tänzerin ganz großen Formates werden. FRAU WELT VON JEHUDA HALEVI Verwehrt Gemahl ward dieser Erde Ball mir, dieweil dies selbst ward teurer als das All mir. Nun teilt sie ihre Herrlichkeit an Andre,- sie sah, nur ein Teil noch, mein Gott, gefall mir. Soll sie mich wählen, und ich bin ihr Todfeind? ich wählen sie, die ward zum Sündenfall mir? Ich Pflichtgemahl verschmäh sie,- aus den Schuh zieht sie mir, sprüht ins Gesicht des Speichels Schwall mir. <DEUTSCH VON FRANZ ROSENZWEIG) 131

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.