Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 4 (April 1924)
- Date
- 1924-04-01
- Page
- Seite 128 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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BÖSEL aber ist das Mysteriöse an dem Manne, daß selbst der Antisemitismus ihm noch keinen ungesetzlichen, ja kaum eine der gegenwärtigen Gesellschaftsmoral — sieht man von der Moral des Klassengegensatzes ab — zuwiderlaufenden Versuch, seine Macht zu persönlichem Vorteil auswirken zu lassen, nachweisen konnte. Bösel ist sicherlich kein Engel, sicherlich kein abgeklärter Weiser, aber er ist ein kluger Kopf, der seine Grenzen erkennt. Er ist anständig, entweder aus Veranlagung oder weil Unanständigkeit Angelegenheit der Kleinen ist. Und das ist das andere Geheimnis seines Erfolges. Bösel ist der Rasse nach Jude. Er ist es wohl auch der Religion nach und, wie die Fama erzählt, durchaus nicht lauer Jude und will keineswegs »Kowedjude« sein. Das ist schön von ihm und vielleicht auch bemerkenswert in einer Zeit und in einer Gesellschaft, der Religion eine im Verschwinden begriffene Dekoration nach außenhin ist. Man spricht davon, daß er die größte Synagoge Wiens restaurieren ließ, man spricht von phantastischen Summen, die er jüdisch=philantropischen Untere nehmungen zufließen läßt, man spricht von verschiedenen Angelegenheiten, die diesen Mann in der für reiche Westjuden traditionellen Bahn gehen lassen. Mit Riesenschritten übermißt er diese Bahn, hat ihr bis jetzt erreichtes Ziel schon längst überschritten — und kehrt wieder in den Kreis dieser Gesellschaft, deren Höhepunkt, deren ersraunenswerter Outsider er ist, zurück: Verständnis^ los steht er der Regeneration, der Wiedergeburt seines Volkes gegenüber. Hier bricht die Legende jäh ab, das positive Judentum findet ihre Fortsetzung nicht: sie weiß nichts von munifizenten Spenden für das Aufbauwerk in Palästina, sie weiß nichts von primitivster Pflichterfüllung jener elementaren Volksbewegung gegenüber zu erzählen, die Zionismus oder jüdischer Nationalismus oder einfach Rüdikehr zum Judentum heißt. Bösel ist dem Milieu der Assimilation entwachsen,- er blieb ihm erhalten. Hier versagte sein Weitblick, die Türme der Stadt, die ihn beherbergt, die taube Erinnerung an das kleinbürgerliche Judentum seiner Jugend umgrenzt seine Horizonte, den Ausbiidt in eine ungleich größere, der Legende Bösels würdigere Zukunft versperrend. Er, dieser Mann der ungeheuren Ziele, der unerhörten Erfolge, hat in der Mentalität der Westjuden beiläufig die Stelle eingenommen, die einst die großen Rabbinen, später in der dem Westjudentum das Grab schaufelnden Aufklärungsperiode, die großen Hoflieferanten oder die Kaiserlichsten Räte aus der Wiener Judenstadt einnahmen, er wurde zum Liebling, zum Inbegriff des letzten, sonderbarsten Nationalstolzes dieser sonst gar nicht nationalstolzen Schichte: er wurde »unser Bösel«,- kat' exochen. Und das ist das mysteriös Zwiespältige an diesem Mann der weiten Ausblicke, daß er einer untergeßenden Schichte seines Volkes Nationalheros bleiben will, statt dem aufsteigenden Teil demutsvoller Diener zu sein. Soll in der neuen Legende des neuen Judentums neben dem Cßafuz für einen Bosef kein Platz sein? Oder scheint es, daß die klare Linie der Opferbereitschaft sich von JAKOB LOW LOTS WEIB 128