Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 4 (April 1924)
- Date
- 1924-04-01
- Page
- Seite 127 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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BÖSEL weg verneint, denn die Legende negiert den Alltag ihres Objektes, weil sie nicht dem Alltag entsprießt sondern der Feierstunde der Phantasie. Was ist nun das Geheimnis dieses Juden aus einem kleinen mährischen Dorf? Was ist das Geheimnis dieses Juden in der Zeit wütendsten antisemitischen Hasses? Ist es Rücksichtslosigkeit, Glück, was man so landläufig Glück nennt, ist es Bestechung, Unehrlichkeit, Industrierittertum? Nichts davon ist ausschlaggebend. Er kam, sah und erfaßte die Situation. Das ist alles. Menschenkenntnis vielleicht noch, allenfalls aber die seismographenfeine Empfindsamkeit für ökonomische Zustände, die ihn befähigt, Situationen in einem Zeitpunkt zu erfassen, da sie noch chaotisch, kreißend, einen Berg oder eine lächerlich kleine Maus gebären können. Er hatte das Glück oder das Geschick, wie immer man es heißen mag, dem Berg Geburtshilfe zu leisten, aus der Revolution das die Wirtschaft des Staates Erschütternde in den Kreis seiner Gedanken zu zwingen, und die kleine, lächerliche Maus den Revolutionsschiebern, den Krämern, den Kleinzügigen, die die Gesetze der Ökonomie mit Fuchsverstand zu hinterlisten glaubten, zu überlassen. Vielleicht wäre Bösel zu nennenswertem Vermögen auch ohne die Revolution gekommen, denn die Veranlagung bricht sich immer Bahn, sei es die Veranlagung zum Guten, sei es die zum Schlechten, aber er wäre kein Bösel geworden, höchstens ein Siegmund Bösel, ein Kaufherr vom Franz-Josefs^Kai, dem man nachmittags so mir nichts dir nichts im Kaffeehaus begegnen kann, der keinen leibhaftigen pensionierten österreichischen Minister im Vorzimmer sitzen hat, dessen Lebens^ aufgäbe es ist, keinen Schnorrer zu Bösel zu lassen. Die Revolution war die große Helferin dieses Mannes, der heute Rothschild nur um eines beneiden kann: um die Tradition. Man weiß nicht, ob Bösel aus solchem Holze geschnitten ist, daß er auf Tradition Wert legt, aber er ist schließlich doch ein Mensch, der, wenn er auch eine Ahnengalerie nicht höher einschätzen mag als ein von der Börse gestrichenes Papier, dennoch dem Zauber der Vergangenheit sich nicht entziehen können mag, beileibe nicht des Ansehens wegen, denn der Abkomme eines großen Namens in der Welt genießt — denn »Bösel« ist populärer als irgendein »v. Bösel« oder »Baron Bösel« je sein könnte, weil Bösel dem Bürger doch schließlich nur ein Synonym für Kaiser Bösel ist — sondern weil Tradition ein in allen Stürmen doch irgendwie Beruhigendes ist, wohin man sich flüchten kann aus dem Alltag, wann immer man will. . . Die Revolution, wurde gesagt, war die Helferin dieses Mannes, der nicht an ihr verdiente, sondern an den unbegrenzten Möglichkeiten, die sie einen Augenblick lang bot — und dies war ihr oder sein historischer Moment — ehe sie ihre Unzulänglichkeit bewies, ehe sie versandete. Sie war es aber nicht allein, die aus einem Siegmund Bösel den Bösel machte, sondern auch die Rasse, deren Blut er entstammt, war ihm Helferin. Bösel ist ein Jude,- ein mit allen Fehlern und allen Vorzügen des jüdischen Volkes begabter Jude. Wäre er Deutscher aus Österreich, würde der ehemalige Kommis heute kaum die größten Banken und Industrieunternehmungen kontrollieren, dann wäre er vielleicht Bankier oder Industrieller wie Irgend^ einer in Österreich. Es sei hier nicht das lächerliche Märchen von der ausschließlichen Befähigung des Juden für Handel und Geldwirtschaft nachgeplappert,- dazu diene keineswegs dieser Hinweis auf seine Rassenzugehörigkeit, aber sein Judentum ist integrier render Bestandteil seines Aufstieges. Nur er, der aus einem Volke kommt, dem nie und nirgends der Aufstieg leicht gemacht wurde, dem Grenzen gesetzt wurden, innerhalb deren wohl kein anderes Volk atmen könnte, er, der einem Volke entstammt, das sich selbst sittliche Grenzen zog, die niemals jene von den Raubrittern und Industrie^ kondottieren abstammenden Industriekapitäne, niemals einen Stinnes ermöglichten — er, der Jude Bösel wußte, daß das Geheimnis seines Erfolges in der Erkenntnis liege, daß für den Juden die dreifache Willensanspannung noch nicht genüge, um ein Ziel zu erreichen, das der Nichtjude mit einfacher Willensanstrengung erreichen kann. Die ungeheure Summe von Energie, die in diesem schwächlichen Körper wirkt, sie ist der Kern des Problems Bösels. Bösel ist reich, ungeheuer reich. Die Phantasie des Volkes steht ohnmächtig vor den Zahlen, die sie nicht erfassen kann. Was tuts? Sein Reichtum steigt, sein Reichtum wächst — er wächst dem Bürger über den Kopf, der fasziniert nach dem Bilde blickt, das er sich entworfen hat. Sein Reiche tum ist legendär, wie alle Macht, die ein gewisses Maß, das sich mit den Maßen des einfachen Mannes nicht mehr messen läßt, übersteigt. Und Bösels Geld bedeutet Macht. Nicht nur in der Mentalität, des Bürgers, denn wie er die Polizei der Stadt, in der er groß wurde, durch unerhörte Wohlfahrts^ einrichtungen mächtig, doppelt mächtig machte, in einer Zeit, da sie von rechts und von links angegriffen wird, so kann er morgen den Willen zur Macht in jeder ihm beliebigen und seiner Klugheit wünschenswerten Richtung auswirken lassen. Das 127