Mannheim
Compact Memory

Das Zelt · 1924-04-01 · Heft 4 (April 1924) · p. Seite 126

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 4 (April 1924)
Date
1924-04-01
Page
Seite 126 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3139318-3133277-3133281--169-3133472
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

B O L VON H. E. ACHER Das ist ein Symptom. Eine symptomatische Erscheinung dieser Zeit, wohl ein Outsider, was ihre materielle Seite betrifft, aber ihr erstrebenswertester Inbegriff, Ersatz für das fortgefallene Zentrum des monarchischen Gefühles, ein Jude, und dennoch ein in nebelhafter Ferne verschwimmendes, einer antisemitischen Allgemeinheit, die an der Legende amerikanischer Vermögen und amerikanischer Unbegrenztheiten geschult ist, zum äußersten Stolz anstachelndes Symbol, das sich einfach in dem Schlagwort »unser Bösel« ausdrüdct. Die Wenigsten kennen seinen Vornamen. Er ist unwesentlich für Die, die vor vier oder fünf Jahren noch nicht seinen Familiennamen kannten. Bösel ist eine Bezeichnung, eine Abkürzung, die keiner näheren Determinierung bedarf, die keine nähere Erklärung duldet, eine Abkürzung für eine von Stolz, oder Haß und ein wenig Stolz durchbebte langatmige Erzählung, die in die Worte ausklingt: »Vor ein paar Jahren war er noch ein Kommis und heute ist er der Bösel.« In diesem einen Satz ist vielleicht die zauberhafte Wirkung des Namens begründet, die Zauberkraft dieses anonymen Namens, dessen Träger die Allerwenigsten, die ihn mit Ehrfurcht aussprechen, kennen, so wenig, wie sie einstmals den Kaiser kannten, an dem gemessen, die Hochachtung, die diesem neuen Stützpunkt in Ehrfurcht vergehender Gefühlshaltung entgegengebracht wird, keine geringere ist. „Le roi est mort, vive Bosef." Er trägt zwar keinen Kaiserbart, denn er ist glattrasiert, aber irgendeine Äußerlichkeit wird schon in die Legende eingehen. Zur rechten Zeit... In einem Kabarett wird irgendeine niederträchtig langweilige Komödie gegeben. Im Laufe eines Dialoges hat Einer der Spieler den Namen Bösel auszusprechen. Im gleichen Augenblick erheben sich sämtliche Mitspieler und ziehen den Hut, tief bis zum Boden. Kein Mensch im Zuschauerraum lacht, Keiner würde lachen, wenn das ganze Publikum in diesem Augen« blick ehrfürchtig aufstehen würde, Keiner fühlt sich unbehaglich, denn Bösel ist ein Aufruf für Träume unerhörter Phantastik und Keiner von Denen im Zuschauerraum, die vor ein paar Stunden noch hinter dem Verkaufspult standen, entgeht der augenblicklich auftauchenden Phantasmagorie, selbst einmal ein Bösel zu werden. Wenn auch nur für einen Tag. Bösel wird zum Zauberwort, das den Menschen vor sich entkleidet, das den nüchternsten Zahlenrechner, der in jedem anderen Fall Phantastischem, Unmöglichem keinen Augenblidc auch nur mit einem Gedanken nachjagen würde, zum Phantasten macht, ihn zu Gedankenorgien zwingt — deren er sich nicht einmal vor seinem Nebenmenschen zu schämen hat, geschweige vor sich selbst. Die Bescheidensten kulminieren in dem Wunsche: »Die Zinsen von Bösels Geld möcht ich haben.« Bösel ist kein Name mehr, bald wird er auch kein Symbol mehr sein, ein Zauberwort vielmehr, oder ein Zahlwort das man nur flüsternd von Mund zu Mund weitergibt. Ein Wort, das Türen öffnet und Türen schließt, das Menschen aufjauchzen läßt und sie niederschmettert. Gestern zitterte nur die Börse vor diesem Wort, heute läuft es durch die Gassen dieser Stadt und morgen vielleicht wird es Staaten zwingen. Bösel ist mehr als Sesam. Ein Wort nur, aber es steht ein Begriff hinter ihm, der in den Hirnen der Bürger zum Himmel steht wie der Stephansturm dieser Stadt, der ihr Wahrzeichen war in dem Maße, wie es Bösel heute ist. Ein Begriff, der in allen Dimensionen unbegrenzt ist, weil die Vorstellungskraft des Bürgers, dem man den Kaiser genommen hat, keine Begrenzung zuläßt. Ein Mensch, der vor ein paar Jahren noch Kommis war und heute der Bösel ist, ein solcher zum Begriff gewordener Mensch, an dessen primitive leibliche Menschhaftigkeit sich eigentlich gar keine Vorstellung knüpft, duldet keine Begrenzung. Daß auch er schlafen muß, daß auch er gewissen Notdürften unterliegt, daran zu denken ist ebenso unmöglich, als würde es sich um Kaiser Josef etwa oder um eine andere Figur aus den Schulbüchern handeln. Eines höchstens kann in dieser Beziehung konzediert werden, daß das Gehirn des Bürgers sich ausmalt, welche unerhörten Leckerbissen der Mann täglich zu sich nimmt, auf goldenem und silbernem Geschirr natürlich, bis ein Flaumacher kommt und erklärt: »Mehr als einmal im Tag kann der Bösel auch nicht Mittag essen.« Punkt. Gegen die Legende, daß er, der selbstverständlich dreiundzwanzig Stunden täglich arbeitet, zum Nacht« mahl nur ein Paar Würstel oder einen Aufschnitt ißt, weiß auch der Defaitist nichts einzuwenden. Das ist das Einzige, das Bösel in der Vorstellung seiner Mitmenschen an das allgemein Menschliche bindet. Jede andere Funktion, die auch dem kleinen Mann naturgemäß eigen sein muß, wird schlank- 126

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.