Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 4 (April 1924)
- Date
- 1924-04-01
- Page
- Seite 120 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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CHANA ORLOWA ANDRE LEVINSON GIPS EDMOND FLEG HOLE psychologische Definition zugleich geboren und fänden einen einzigen Ausdruck. Und die Wahl des Materials ist wohl auch nicht Laune, das Material wird wohl zugleich bestimmt, gehört mit zum Ausdruck. Diese Einheit, gepaart mit der meisterlichen Geschlossenheit ihrer Bildwerke, gibt ihrer Skulptur die edle, gediegene Einfachheit. Die reife Simplizität. Ob dieser Qualität, die bei ihr ein Wesenszug ist, darf man sie primitiv nennen. Das heißt nicht etwa, daß sie, wie ihre Landsleute Konenkow, Pailes, Zadkin, die, Künstler von Rang, auch viel in Holz arbeiten, aber die archäistischen Formen der Primitiven übernommen haben / sondern: die Orlowa ist primitiv in tieferem Sinne. Sie ist eine Natur. <Daß sie beim Werk von einem Gedanken ausgeht, tut nichts zur Sache.) Daher die Einheitlichkeit, die Unkompliziertheir, die Ganzheit, die zugleich ihre Kraft ist. Diese, aus Elementen solcher Art bestehende Primitivität ist vielleicht auch das Einzige, das auf ihre Weiblichkeit hindeutet. Dieses Problem der Weiblichkeit in der Skulptur erscheint uns interessant. Tatsächlich ist uns kaum ein Fall bekannt, daß wir, bis auf die Orlowa, einer Bildhauerin von Bedeutung begegnet wären. Skulptur und Architektur setzt doch wohl eine potenziertere Schaffenskraft voraus als Dichtung und Malerei. Nach dem jüdiscßen Element in der Kunst der Orlowa klügelnd zu forschen, ist da hingegen das Müßigste von der Welt. Wollte man auf das Gedankliche hinweisen <das nebenbei noch bei der Orlowa eine ganz untergeordnete Rolle spielt), so ist zu bemerken, daß in der modernen, besonders der radikalen Kunst das Gedankliche das Dominierende ist. So ist beispielsweise bei dem Arier Arcßipenko, der gleich der Orlowa Ukrainer ist, Theorie und Prinzip, Einfall und Witz das Ausschlaggebende in seiner bedeutsamen Kunst,- Fanatismus auf der einen Seite seiner Wesen, Beweglichkeit, um nicht zu sagen Geschäftigkeit, auf der anderen — lauter Eigenheiten, die man den Juden nachzusagen pflegt. Wollte man der Orlowa klugen Sinn, den Blick für das Charakteristische als jüdisch kreiden, so ist zu erwidern: die bedeutendsten Porträtisten waren niemals Juden. Nennen wir wieder zwei Landsleute der Orlowa: die Ukrainer Lewilzßi und Borowikowsfii; die nicht nur die bedeutendsten Porträtisten Rußlands, sondern überhaupt zu den bedeutendsten Porträtisten des achtzehnten Jahrhunderts gehören. 120