Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 4 (April 1924)
- Date
- 1924-04-01
- Page
- Seite 118 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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B1NJUMM1N DER MÄRTYRER »Hör, einmal, hast du vielleicht -auf -dem Weg einen Juden gesehen? Bei uns ist gestern ein Jude verschwunden, Benjamin, als wäre er ins Wasser gefallen.« Und bevor es dem Bauer noch gelang, einem Juden zu antworten, fielen die Frauen wie die Heuschrecken über den Wagen her, hoben den Mantel auf und schrien Alle zu gleicher Zeit: »Binjummin! ... Er ist da! . . . Zippe^Kroine! Bas^Scheewe^Brandel! Lauft geschwind zu Seide und bringt ihr die gute Nachricht, daß der Verlorene wieder da ist? Sie wird keine elende Agiene sein! . . .«" Es gab ein Getümmel und einen Auflauf, ganz Faulburg war in Bewegung und Erregung, Kind und Kegel kam gelaufen, um Binjummin zu sehen. Man überschüttete ihn mit Worten, mit Gerede, mit Fragen, und erzählte ihm, man hätte ihn gestern den ganzen Tag und die ganze Nacht hindurch gesucht, alles nach ihm durchwühlt, man hätte ihn schon für tot und für einen Märtyrer und seine Frau für eine unselige Agiene gehalten. Plötzlich kam mitten in diesem Aufruhr seine Frau herbeigelaufen. Sie jammerte und rang die Hände, als sie ihren Eheliebsten sah, wie blaß und halbtot er da lag und sich nicht bewegen konnte. Die Arme wußte selber nicht, was sie tun sollte. Sollte sie ihn schelten und verwünschen und die Qual ihres Herzens über ihn ergießen oder sollte sie ihre Freude und ihr Glück zeigen, daß Gott ihr, der elenden Agiene, geholfen hatte. Ein paar Minuten darauf trug man Binjummin, so wie er da auf dem Sack Kartoffeln lag, in großer Parade über den Marktplatz in sein Haus. Ganz Faulburg gab ihm das Ehrengeleite, Groß und Klein, Niemand ließ sich lange bitten und folgte ihm laut und lärmend unter den Rufen: »Märtyrer! Märtyrer! Märtyrer!« Dieser Name blieb seit damals für immer an Binjummin haften, er hieß Binjummin der Märtyrer und seine Frau Seide die Agiene. Der Faulberger Heilkundige kam noch am gleichen Tag zu Binjummin und leistete mit allen Mitteln, die ihm möglich waren, rettenden Beistand — er setzte ihm Schröpfköpfe und Blutegel an, schor ihm vollständig den Kopf ab und sagte vor dem Weg* gehen, nach all diesen Mitteln würde er mit Gottes Hilfe genesen und schon am nächsten Tage ins Beßmeddrisch gehn und die Benedeiung für Errettung aus Lebensgefahr sprechen können. <Aus dem Jiddischen übersetzt von Salomo Birnbaum.) (Binjummin: Benjamin. — Beßmeddrisch: Lehr» und Bethaus. — Faulburg: Erfundener satirischer Name. — Rebb Asik usw. Herr Eisik David, Sohn des Herrn Aron Josef. — Seide: Frauenname. — Schabbes=Grenze: aooo Ellen. — Eldad: Mittelalterlicher [von Manchen bezweifelter] Reisender. — Rote Juden und Bne Mose: Legendariscfae jüdische Stämme. — »Fische«: B. übersetzt statt »Füße« das ähnlich klingende »Fische« ins Weißruthenische. — Zippe: Zipora. — Kroine: Frauen» name [»Krone«]. — Bas=Scheewe: Bathseba. — Braandel: Frauenname [Braune]. — Agiene: Eine Frau, die nicht wieder heiraten kann, weil man von Verbleib oder Tod ihres Mannes nichts Sicheres weiß.) <fo(j..t* SJn koo-^k pJjJO £?*9 fJ""1 'S3*» i'1" -»**/n <AUS DER SAMMLUNG DR. A. SCHWADRON) MENDALI MOICHER SFURIM 118