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Das Zelt · 1924-04-01 · Heft 4 (April 1924) · p. Seite 117

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 4 (April 1924)
Date
1924-04-01
Page
Seite 117 (sequence 8)
Language
German
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BINJUMMIN DER MÄRTYRER kam ihm in die Augen. Der Bauer saß ruhig da, rauchte sein Pfeiflein und schrie den Ochsen jeden Augenblick zu: »Szop, haita, szop!« Die Ochsen bewegten sich kaum und die Räder des Wagens knarrten ganz vertrackt, jedes im anderen Ton, so daß ein ohrenschmerzendes Knan> und Knirsch^ konzert zustande kam. Dem Hahn war das Geknarre anscheinend wohl audi nicht nach seinem Geschmad\. Denn jedesmal, wenn die Räder eine volle Umdrehung machten und mit einem pfeifenden Triller schlössen, kratzte er Binjummin heftig und krähte ein so wütendes und stürmisches Kikeriki, daß ihm dann noch mehrere Augen^ blicke lang ein dumpfes Röcheln im Halse rollte. Binjummin lag eine ziemliche Weile lang ganz wirr da. Er fühlte sich völlig vernichtet. Es war ja keine Kleinigkeit, was er erduldet hatte — Schredt, Hunger, Nässe, Kälte! Er lag im Wagen und träumte von seinen fernen Ländern, er glaubte, ein Türke habe ihn in der Wüste gefangen und führte ihn jetzt zum Verkauf auf den Sklavenmarkt. Wenn er mich doch wenigstens einem Juden verkaufen möchte, dachte er, dann könnte ich noch Rettung finden! Verkauft er mich aber einem Prinzen oder, behüte gar, einer Prinzessin der fremden Völker, dann bin ich doch verloren, für ewig verloren! . . . Und da erinnerte er sich gerade der Geschichte des frommen Josef und der Sulaika und stöhnte in seiner Qual und seinem Kummer laut auf. Der Bauer sah sich um, als er das Ächzen Binjummins hörte, rüdtte näher heran und fragte ihn: »Na, zidko, a schtscho, troschke lipsche? Nun, Jude, wie gehts, ist dir ein wenig besser?« In Binjummins Kopf begann es sich wirklich ein bißchen aufzuklären und er erinnerte sich, was vorgefallen war. Er befand sich in übler Lage: Er konnte kaum ein Wort der christlichen Sprache, was sollte er da anfangen, wie sollte er dem Bauer t-"i^fes£ ARTUR PAUNZEN antworten, wie ihn ausholen, um genau zu erfahren, wohin er ihn brächte? Binjummin versuchte sich aufzusetzen, aber es ging nicht. Er fand seine Beine nicht. »Troschke lipsche?« fragte ihn der Bauer abermals und schrie im gleichen Atemzug: »Szop, haita, szop!« »Lipsche. Besser. Bloß meine fische', au weh...!« antwortete der arme Binjummin, so gut er konnte und deutete auf seine ,Füße\ »Woher bist du, Jude?« »Woher bist du Jude?!« wiederholte Binjummin singend. »Ich bin Benv jamin in Faulburg!« »Du bist aus FauU bürg? Sag, einmal, warum stierst du mich so an und glotzt wie ein Wahnsinniger? Bist du vielleicht wirklich wahnsinnig? Der Teufel hole deine Mutter!« Dieses Sprüchlein galt Binjummin. Dann wandte er sich den Ochsen zu und ließ sein gewohntes »Szop, haita, szop!« erschallen. »Ich habe dir doch gleich gesagt, ich bin Benjamin selbst in FauU bürg,« antwortete Binjummin, machte ein klägliches Gesicht und streckte flehend seine Hände aus. »Um Him^ mels willen, in FauLbürg Frau dir geben Gläslein Neunziger und Sabbath-Semmel, und gut danken dir.« Der Bauer schien zu erraten, was Binjummin meinte. »Gut, Jude,« sagte er, setzte sich an seinen Platz, mit dem Gesicht an den Ochsen und rief sein »Szop, haita!« Ein paar Stunden darauf fuhr der Wagen auf dem Markt in Faulburg vor. Frauen und Männer eilten ihm rufend und schreiend entgegen. Der Eine fragte: »Hör einmal, wieviel willst du für den Hahn? Für die Zwiebeln?« Ein Anderer: »Hast du vielleicht Kartoffeln, Eier?« Mitten drin kam Einer mit der Frage: STUDIE ZU »HIOB« 117

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