Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 4 (April 1924)
- Date
- 1924-04-01
- Page
- Seite 116 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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BINJUMMIN DER MÄRTYRER zum Nachdenken hatte er sehr viel Stoff. Bald flog sein Sinn in jene fernen Länder am Ende der Welt. Er ging über Berge und Täler, über Wüsten und alle die Orte, die in seinen Büchern standen. Er wanderte in den Fußspuren Alexander des Makedoniers, Eldad des Daniten und der Anderen, er sah den furchtbaren Lindwurm, er sah Drachen, Schlangen, Nattern, Skorpione, alles Ungetier und Ungeheuer. Er drang bis zum Stamme der Roten Juden vor und sprach mit den Bne Mose. Dann kam er wohlbehalten wieder zu sich und wünschte, er möchte doch bald die Reise machen und alles mit eigenen Augen sehen. Während er so sann, brach die Nacht herein. Er stand auf, dehnte die Glieder und machte sich auf den Heimweg. Er ging und ging und wollte gar nicht aus dem Walde hinauskommen. Er ging eine Stunde, zwei, drei, vier Stunden — es nahm gar kein Ende. Er geriet immer tiefer in den Wald hinein. Finster war es, daß man sich die Augen hätte aus dem Kopf nehmen können. Plötzlich brach Sturm und Wolkenbruch los, es blitzte und donnerte und die Bäume rauschten zum Entsetzen. Binjummin blieb stehen. Der Regen durchnäßte ihn, Zahn schlug ihm an Zahn vor Kälte, vor Nässe, vor Schreck und vor Angst. Er glaubte, im nächsten Augenblick würde ein Bär über ihn herfallen, ein Löwe oder ein Tiger ihn zerreißen, der Matul würde kommen, der nach der Beschreibung im Buche »Schatten der Ewigkeit« ein großes, gewaltiges Wesen mit zwei langen Armen ist, mit denen es den Elefanten packt und niederwirft. Angstschweiß drang ihm aus allen Poren. Und dabei war der arme Kerl tod^ hungrig, er hatte den ganzen Tag nichts als ein Buchweizenbrötlein zu sich genommen. In dieser Not ging er hin und betete aus voller Seele und in tiefer Inbrunst das Mariw=Gebet. Gott half ihm und der Tag kam. Unser Binjummin fing wieder an aufs Geratewohl zu gehen. Er ging immer weiter und weiter, bis er endlich auf einen schmalen Pfad kam. Auf diesem Wege ging er ungefähr zwei Stunden, als er plötzlich von ferne eine Menschenstimme hörte. Statt sich über diese Stimme zu freuen, erstarrte er vor Entsetzen. Es schien ihm, das könnte gar nichts anderes als ein Räuber sein. Vor Schredt wandte er sich um und floh atemlos zurück. Bald aber besann er sich: »Pfui, Binjummin! Du willst so weit über Meere und Wüsten wandern, wo es von Drachen, Ungeheuern und wilden Völkern wimmelt — und erschridvst vor dem Gedanken, einen Räuber zu begegnen?! O pfui, Binjummin, das ist wahrhaftig eine Schande. Ist denn Alexander der Makedonier auch so geflohen wie du? Verzweifelte denn Alexander der Makedonier auch so wie du, als er auf dem Adler ritt und auf seiner Speerspitze das Fleisch zu Ende ging, in das der Adler immer seinen Schnabel senkte und so höher und höher flog? Nein, Alexander der Makedonier floh nicht, Alexander der Makedonier schnitt sich ein Stüd< Fleisch aus dem eigenen Leibe und stach es auf die Lanze! Auf, ermanne dich, Binjummin! Gott will dich jetzt erproben. Bestehst du die Probe — dann Heil dir, Binjummin! Dann bist du wer, dann wirst du würdig sein, daß dir Gott in seiner Gnade deinen Wunsch erfüllt und du dich mit den Bne Mose über Israel in unserer Gegend unterhältst und ihnen vom Leben und Treiben unserer hiesigen Juden in aller Genauigkeit und Ausführlichkeit berichtest. Wirst du jetzt noch auch diese Probe bestehen und zurück, der Stimme entgegen, gehen, dann wirst du jedes Entsetzen und alle dräuenden Schredten überwinden. Du wirst vollkommen sein, ein Segen in Israel, Ehre und Ruhm für ganz Faulburg. Faulburg und Makedonien — das werden zwei Stätten sein, die in der ganzen Welt durch Alexander den Faulburger und Binjummin den Makedonier berühmt sein werden!« Unser Binjummin wandte sich auch wirklich um und ging kühn und heldenmütig voll Selbstvertrauen weiter, bis er den Räuber vor sich hatte. Es war ein Bauer auf einem mit vollen Säcken beladenen Ochsen wagen. »Dobry djen! (Guten Tag!)« rief Binjummin im Näherkommen mit merkwürdigem, stürmischem Tone, der alle möglichen Bedeutungen umschloß: Geschrei und auch Flehen, so als ob er gesagt hätte: »Hier hast du mich, tu mit mir, was du willst!« und auch Bitte: »Um Himmels willen, erbarme dich meiner, meiner armen Frau und meiner elenden Kinder!« Als Binjummin sein Dobry djen zu Ende gesagt oder vielmehr zu Ende geschrien und geweint hatte, versagte ihm die Sprache und er blieb wie erstickt stehen. Sein Kopf schwindelte, vor seinen Augen wurde es finster, die Füße verweigerten ihm den Dienst und er fiel wie tot zu Boden. Als er die Augen öffnete und das Bewußtsein wiedererlangte, fand er sich im Wagen auf einem großen Sack Kartoffeln liegen, mit einem didten Wollmantel bededtf. Ihm zu Häupten lag ein gebundener Hahn, der ihn von der Seite mit einem Äuglein ansah und ihn mit seinen Krallen kratzte. Zu seinen Füßen standen Körbe mit jungem Knoblauch, Zwiebeln und anderen Grünkram. Eier gab es da wohl auch, denn Spreu flog umher und 116