Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 4 (April 1924)
- Date
- 1924-04-01
- Page
- Seite 115 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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I. JAHRG. DAS ZELT A P R 1924 I L HEFT 4 BINJUMMIN DER MÄRTYRER <EIN KAPITEL DER SATIRISCHEN ERZÄHLUNG »DER DRITTE BENJAMIN«) VON MENDALI MOICHER SFURIM Unser Binjummin war von Natur aus ein gewaltiger Feigling. Bei Nacht hatte er Angst, auf die Straße zu gehen,- allein in einem Zimmer zu schlafen, das hätte er nicht um alle Schätze der Welt getan. Ein wenig weiter vor die Stadt hinauszugehen, hätte für ihn einfach bedeutet, sein Leben aufs Spiel zu setzen: »Wer weiß, was da geschehen konnte!« Vor einem Hündlein zitterte er in Todesängsten. Als Binjummin seine Reise in die fernen Länder beschlossen hatte, da nahm er sich vor allem vor, sich zu ermannen und seine Angst zu beseitigen. Er zwang sich, nun gerade bei Nacht allein zu gehen, nun gerade allein im Zimmer zu schlafen und nun gerade oft vor die Stadt hinauszugehen, obgleich ihn das furchtbar angriff und von Kräften brachte. Sein neues Gebaren daheim und im Beßmeddrisch, sein versonnenes, blasses Gesicht und sein häufiges, stundenlanges Verschwinden aus der Stadt waren allen verwunderlich. Er kam in der Leute Mund und wurde eifrig besprochen. Die Einen sagten: »Es kann nicht anders sein, als daß er von Sinnen, daß er verrückt ist. Erstens,« schloßen sie, »war Binjummin ja schon immer ein wenig überspannt und närrisch und hatte ein Rädlein zu wenig im Kopf. Zweitens gab es in Faulburg schon seit ein paar Jahren keinen Verrückten, und man hat ja die Regel: Jede Stadt hat ihren Weisen, jede Stadt hat ihren Tollen. Besonders gar heute, bei diesen großen Hitzen. Warum sollte man nicht annehmen, daß er ganz einfach wahnsinnig ist?« Die Anderen wieder, mit Rebb Asik=Duwwid, Rebb Aren Jossalis an der Spitze, sagten: »Ach, was! Ja, und noch einmal ach, was! Binjummin ist freilich ein wenig überspannt und närrisch, gewiß, er ist sogar ein recht arger Narr, aber daraus geht noch lange nicht hervor, daß er auch verrückt werden muß. Denn sonst ergäbe sich doch die Frage: ,Warum gerade jetzt und nicht schon früher?!7 Im Gegenteil, vor zwei Jahren und auch voriges Jahr im Sommer waren die Hitzen unendlich größer. Und die Regel? Auf diesen Einwand haben wir unsern Fluß zum Gegenbeweis. Es ist ja Regel und Gesetz, daß unser Fluß seit ewigen Zeiten jedes Jahr einen Menschen haben muß — und trotzdem hat er schon seit ein paar Jahren Niemanden genommen! Im Gegenteil, er selbst ist in den paar Jahren gefallen, so daß man an manchen Stellen trockenen Fußes hinübergehen kann ... Ja also und Binjummin? Na, bah . . .« Die Meisten aber, und unter ihnen die Frauen, meinten: »Er hat es gewiß mit ,ihnen' zu tun ... Er hat wahrscheinlich mit ,ihm' zu schaffen . . . mit dem Satan . . . Wozu denn sollte er allein bei Nacht in der Finsternis umherstreichen? Wozu denn verschwindet er manchmal für mehrere Stunden? Wozu denn schläft er ganz allein im Hof in der Kammer? Seide, seine eigene Frau, erzählt auch, daß sie bei Nacht dort Schritte und Getrampel hört . . .« Damals hatte Binjummin ein Erlebnis, das ihn berühmt machte. Er ging einmal vor die Stadt hinaus, es war im Tammes an einem heißen Tage um zwölf Uhr mittags, als die Sonne gerade richtig briet, und geriet tief in den Wald hinein, wohl an die drei Schabbes^Grenzen von der Stadt weg. In der Tasche hatte er seine Bücher, ohne die er keinen Schritt zu machen pflegte. Er saß im Walde an einen Baum gelehnt und dachte eifrig nach. Und 115