Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 3 (März 1924)
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 113 (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
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BUCH, KUNST UND KÜNSTLER Der Geist der füdiscßen Kuftur. Von Triedricß Mucßfe. Ckikofa=Verfag, Wien 1923J Als ein Wechselspiel von Machtwillen und Erlösungsdrang betrachtet Mückle in seinem großen Werk die Weltgeschichte. Wir sind in der Neuzeit daran gewöhnt, daß Geschichte und insbesondere Kulturgeschichte von philosophischem Standpunkt aus geschrieben wird. Ansätze dazu kann man schon bei Mießußr und Ranfie finden, denen es nicht genügt hat, die Tatsachen der Weltgeschiente aneinanderzureihen und archivalisch=wissenschaftlich zu belegen, die vielmehr in das innere Getriebe der Menschenseele eindringen und Triebfedern der Völker aufzeigen. Lamprecht zumal wirkte in dieser Richtung bahnbrechend. Man kann sogar bei Mommsen von philosophischer Geschichtsauffassung sprechen, wenn auch aus ihm der große, strenge Urkundenkenner und Sacherforscher mit philologischer Genauigkeit und Gewissenhaftigkeit spricht. Auch Eduard Meyer ist nicht frei von Geschichtsphilosophie. Etwas anderes ist es, wie es bei dem mehr berüchtigten als berühmten Cßamßerfain der Fall ist, Geschichte tendenziös und entstellend zu schreiben, etwas anderes mir größter Kraftanspannung des denkenden Betrachters in die Geschichte der Völker einzudringen und die psychologischen Grundursachen und Phänomene im Leben der Menschheitsgruppen zu betrachten und darzustellen. In der Antike gingen in dieser Richtung die hebräischen Chronisten <Bücher der Chronik, Könige) bei den Griechen und Römern Polybios und Tacitus. Geschichtsschreibung und Dar^ Stellung der Kulturgeschichte eines Volkes ist aber ohne peinlichst gewissenhafte Beherrschung und Erfassung der Zeiturkunden nicht möglich. Die Zeugen der Zeit müssen unbedingt abgehört werden. Im Großen und im Kleinen. Strengste Zucht ist hier unerbittliche Forderung. Wohin man mit rein intuitiver Betrachtung geraten kann, hat Spengfer bewiesen, dem man gewiß Genialität nicht absprechen kann. Ich habe hier nur den Abschnitt seines Werkes im Auge, der den Titel führt: »Probleme der arabischen Kultur.« Es genügt, zu zeigen, auf welche Abwege Voreingenommenheit und mangelhafte Quellen^ forschung führen können. Man ist bei der Darstellung jüdischer Geschichte und Kultur durch nichtjüdische Forscher nicht gerade an absolute Okjektivität gewöhnt,- man kann sie ja auch nicht verlangen. Absolute ObjektU vität ist auch vom Historiker kaum zu erreichen. Auch jüdische Forscher leiden an Subjektivität der Auffassung und leider auch an wissenschaftlicher LIngenauigkeit. Lückenloses historisches Material als Grundlage der Darstellung der Geschichte der Völker gibt es nicht. Möglich und erreichbar ist allein die Ausschöpfung aller fließenden Quellen. Fast möchte man wünschen, daß es nur Quellenmaterial in großen Sammlungen gäbe. Aber auch das wäre nicht unbedingt sicher, da ja eben diese alten oder neuen Quellen immer wieder von subjektiv veranlagten Menschen herrühren, die in ihre schriftlichen Niederlegungen ihren eigenen Geist hineingetragen haben. Lim so schwieriger ist es, die Lirphänomene zu entdecken und bloßzulegen, welche dem historischen Geschehen zugrunde liegen. 'Friedrieß Mucßfe hat ein Werk gesArieben, das den Titel führt: „Der Geist der füdiscßen Kuftur und das Aßendfand" Es ist dem Andenken Karl Lamprechts gewidmet. Es ist ein geschichts=philosophisches Werk und geht von dem als Axiom angenommenen Grundsatz aus, daß alle Kulturen als Äußerung der menschlichen Seele in ihrem tiefsten Grunde miteinander verwandt sind, daß sie bei all ihrer Besonderheit auf ein Lirprinzip zurückgeführt werden können. Goethe ist Mückles Führer auf dem beschwer^ liehen Weg. Alle Kulturen sind aus dem gleichen Lirphänomen abzuleiten,- also müssen die Grundkräfte des Lirgeistes, der Macßtwiffe und das Erfösungs= Streßen, in jeder dieser Kulturen, wenn auch in besonderer Weise, lebendig sein. Systofe und Diastoße sind die mächtigen Beweger und Auslöser, das Leitmotiv alles menschlichen Geschehens, sowohl in Vergangenheit als in Zukunft. Dem philosophisch geschulten Psychologen wird hier allsogleich klar, daß dieses Lirphänomen nur soziologisch zu erklären ist. Machtwille entwickelt sich im Individuum nach Loslösung von der Sippe und Herde,- die entwickelte Individualität gibt sich dem Ganzen, der Gesamtheit wieder nach Erlangung des höchstmöglichen Kulturgrades. Das gilt auch von Volksgruppen. Im letzten Grunde ist aber auch die Erlösungstendenz ein Ausfluß des Machtwillens. Damit fällt die These von der Trennung der Lirphänomene. Nach Darlegung der geschichts philosophischen Grundsätze und der dafür geltenden Symbole: Faust und Zarathustra, wird die Richtigkeit an Babylon in Indien gezeigt. Diese symbolistische Heranziehung der beiden Gestalten können wir als Gleichnis akzeptieren, müssen uns aber hüten, sie als mystische Momente auf die Geschichtserfassung wirken zu lassen. Erst dann geht die Llntersuchung auf den »Geist der jüdischen Kultur« über. Die Wüstenwanderung ist »Vorspiel« des großen Dramas, welches die Entwicklung des jüdischen Volkes darbietet. Die Kultur der vorprophetischen Zeit trägt das Gepräge eines Heldenzeitalters mit ausgeprägtem Imperialismus, der das immer andrängende Chaos, die Weltangst, überwinden will. Im Einklang mit dem Willen des Volkes, das nach einem Erlöser Ausschau hält, hat sich Königtum, Heldentum entwickelt. Auch Davids Königsherrschalt ist unter dem »frohlockenden Zuruf der Nebim« <sic!> erfolgt. Hier muß der Referent seinen Bericht unterbrechen. Mag Mückles Werk noch so interessant und gut sein,- die Wissenschaft wird und darf es ihm nicht verzeihen, daß er vom Geist der hebräischen Sprache keinen Hauch verspürt. Was ist das für ein Monstrum »Nebim«. Warum hat sich Mückle nicht informiert? Lind dieses LIngetüm kehrt immer wieder. Lind nicht genug, daß er »Nebim« als falschen Plural gebraucht, es taucht sogar als Singular auf. <S. 428). Damit hätte der Verfasser eigentlich das Recht verwirkt, ernst genommen zu werden. Dazu gleich ein Zweites. Aus »Naboth«, dem bekannten Helden der Geschichte vom Weinberg, den Achab raubt, wird bei ihm beharrlich ein „Maßoß". Er müßte ihn doch aus seinem geliebten „ Taust"kennen, wo <»Faust«, II. Teil, 5. Akt) MephU stopheles <ad spectatores) sagt: »Auch hier geschieht, was längst geschah, Denn Naboths Weinberg war schon da.« Dies ist unverzeihliche Sünde,- die natürliche Folge des tollkühnen Wagens, ohne Schöpfen aus ersten Quellen über jüdische Kultur zu sprechen. — Getreu den von ihm bloßgelegten Lirphänomenen und in deren Dienst stellt der Verfasser die Kulturgeschichte der Juden weiter dar und bedarf dazu mancher künstlichen Konstruktion, so zum Beispiel des <unnachweisbaren) Einflusses der Rechabiten. Mückle führt seine Grundidee siegreich durch alle Zeitalter und zeigt uns den Iahuisten, Elohisten, die Patriarchen, Josef, Mose, Nasiräer, Könige, Elia und die Propheten, Psalmisten als deren 113