Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 3 (März 1924)
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 112 (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
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RICHARD ROBERT Arbeit, glänzten ihm die Augen noch immer in jugendlicher Freudigkeit, wenn er von seinem Bach sprechen konnte. Der war sein heiligstes Bekenntnis. Ein charaktervoller und zäher Mensch wie er war, hat er die, oft so wohU feile, Beweglichkeit des Geistes nicht besessen, die jedem neu auftauchenden Kunstziel mit weit geöffneten Sinnen entgegenschnuppert. Er war ein durchaus konservativer Künstler und von den Modernen hat nur Reger — wohl wegen dessen in der Schule Bachs durchgebildeten Musikalität — ihm wirkliche Liebe abgerungen. Aber, und nun kommt das Wunderbarste: seine Schüler, die er nicht zu Pianisten, sondern vor allem zu Musikern erzogen hatte, die mit dem innigsten Vertrauen der Jünger an ihm hingen, die waren — jung und zu dieser Zeit gehörig — voll Enthusiasmus für die musikalische Moderne. Die schworen auf Richard Strauß, sogar auf Schönberg. Auflehnung? O nein. Aber der Meister hatte sie zu selbständigem musikalischen Denken erzogen und er ehrte die freie Wahl ihrer Wege. Er hatte die schwerste Kunst des Lehrers geübt,- er hatte sie von sich losgelöst — ohne sie zu verlieren. Er hatte das edle Zarathustra^Wort sich und ihnen zum Gesetz gemacht: »Man vergilt einem Lehrer schlecht, wenn man immer nur der Schüler bleibt.« Ja, er war ein Professor. Auch in der gebräuchlichen Bedeutung des Wortes. Ein Meister in der Kunst zu lehren. Es war längst ein Ehrenzeichen, sich zur Robert-Schule zählen zu dürfen. Man erkannte sie sofort,- beim ersten Ton. An der Noblesse des Vortrages und vor allem an der geistigen Durchdringung der Aufgabe. Das war das letzte Geheimnis seiner erzieherischen Kunst: er gab seinen Schülern das Bedürfnis und die Kraft, das musikalische Werk zu erleben. Er erzählte mir einmal ein sehr hübsches Beispiel, wie er die jungen Leute zu dieser Eindringe lichkeit der Stilempfindung erzog. Er ließ sie eine einleitende Akkordfolge spielen und nun unterschied er: »Denken Sie sich diese Takte als den Beginn eines Werkes von Bach — und nun als den eines von Beethoven.« Der Schüler mußte stilgemäß differenzieren können. Das letzte Geheimnis seiner erzieherischen Kunst? Nein, es gab noch ein tieferes. Ein nodi kostbareres. Ein junger Sdiauspieler SCHERENSCHNITT wandte sich einmal an Josef Kainz mit der Bitte, ihm Stunden zu geben. Aber der Künstler schüttelte den Kopf. »Was soll das für einen Zweck haben? Ich müßte Sie immer um mich haben, ich müßte auf Ihr ganzes Leben Einfluß nehmen — das wäre ein künstlerischer Unterricht. Alles andere bleibt Stückwerk.« Richard Robert fühlte wie Josef Kainz. Er ist diesen Weg gegangen, zu Ende gegangen. Er hat das Leben seiner Schüler geformt {seiner Lieblingsschüler zumindest) ,- er hat den ganzen Menschen in ihnen ergriffen. Mit einer liebevollen Fürsorge, die unermüdlich in Kümmere nisse und Fragen ihres Lebens Licht brachte, hat er sie umgeben. Und sie kamen, seiner musikalischen Schulung längst entwachsen, immer wieder zu ihm, wenn sie Rat brauchten, wenn sie seiner Hilfe, seiner Stützung bedurften. Er war mit ihnen wie ein Mensch, ein erfahrener, gütiger Mensch zu anderen Menschen. Es war wie in der Renaissance, da der unfertige Knabe einem Meister überantwortet wurde, bei ihm wohnte, lebte, um zur vollen Tüchtigkeit des Lebens, nicht nur zur Beherrschung seiner Kunst heranzureifen. Richard Robert hat es selbst sehr gut gewußt, wie vielfältig, wie menschlich reich und lebendig sein Verhältnis zu seinen Schülern war. Ich habe in den letzten Monaten seines Lebens, da man ihn der leidenschaftlichen Hingabe des Unterrichtes möglichst fernhalten wollte, gebeten, seine Methode zu Papier zu bringen,- sie sollte, meinte ich, doch auch späteren Generationen erhalten bleiben. Er wollte davon nichts wissen. Er wußte: das Beste, das er gab, ließ sich nicht in Worten aussagen. Der Professor Richard Robert ist frühzeitig ge^ storben. Er hätte sein Leben verlängern können, wenn er der Leidenschaft zu lehren, zu geben, Herr geworden wäredann hätte er freilich auch anders gelebt, weniger wertvoll, weniger fruchttragend. Noch wenige Monate vor seinem Tode versicherte mir sein Arzt, daß er ihn gewiß Jahre am Leben erhalten könne, wenn er sich darauf beschränke, täglich nur zwei Stunden zu erteilen. Er gab nur mehr zwei Lektionen am Tag — aber er dehnte sie auf sechs Stunden aus. Er konnte nicht anders. Er unterrichtete — wie ein Baum blüht, wie ein Feuer brennt. So ist er vor der Zeit verblüht, vor SAMMLUNG J. R. der Zeit verbrannt. 112