Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 3 (März 1924)
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 111 (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3139318-3133277-3133280--143-3133445- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
RICHARD R OBERT VON LEO FELD Da der Tod schon seinen Weg umdunkelte, erwies ihm der Staat die höchste Ehrung, die er einem Mann seiner Tätigkeit — einem großen Klavierpädagogen — gewähren konnte: er verlieh ihm den Titel eines Professors. Als es der Meister erfuhr, lächelte er in seiner müden Güte: »Jetzt? Fünf Minuten vor Zwölf —?« Denn er hatte das österreichische Schicksal. Er mußte um jede Fußbreite kämpfen. Mit einer Energie, mit einer Unnachgiebigkeit, mit einer selbstlosen Hingabe an das, was er — sehr früh — als seine Lebensaufgabe erkannt hatte, daß schließlich jeder Widerstand zerstob. Leicht war es ihm nie gemacht worden. Zumal Die oben waren ziemlich widerspenstig,- und als sein Name schon — im buchstäblichsten Sinn — durch die Welt ging, als aus Amerika und Südafrika, aus Antwerpen und Odessa die jungen Leute in seine Lehrstube eilten, da hatte ihm die »Akademie für Musik« noch immer keinen Platz in ihrer Reihe angeboten. Damals lächelte er auch, als wir einmal davon sprachen. Aber es war kein Lächeln müder Güte. Es war eine tapfere, fröhliche Selbstsicherheit, mit der er auf diese offiziellen Dummheiten herabsah. Sie konnten ihm nichts anhaben. Sie konnten ihn weder verbittern, noch hochmütig machen,- schon diese wunderbare LInberührbarkeit, Unverlierbarkeit seines Wesens mußte zur Verehrung zwingen. Er war und blieb ein Outsider. Wie so viele bedeutende Menschen. Nun ist er doch Professor geworden. Er war es seit Jahrzehnten. In des Wortes edelstem Sinne. Ein »Bekenner« ist er stets gewesen. Einer, der immer furchtlos und unversöhnlich für seine Meinung eintrat. Im Großen wie im Kleinen, hart und streng auf seiner Wahrheit beharrend. Er war nie bequem. Er kannte keine liebenswürdige Behutsamkeit des Gespräches, noch weniger eine kluge Nachgiebigkeit, wo es sich um seine kritischen oder pädagogischen Überzeugungen handelte. Daß er trotzdem so wenig Feinde hatte, stachelig und trotzig wie er war, das machte die Reinheit seines Wesens, die Jeden ergriff, der in seine Nähe kam. Man konnte oft zornig auf ihn werden,- aber man wurde es mit gesenkten Blicken und halblauten Worten. Man fühlte seine innere Würde. Ein Bekenner war er. Aber er hatte auch ein persönliches und gewichtiges Bekenntnis. Ein tief erlebtes Verhältnis zur Musik und zu seinem erzieherischen Beruf. Todkrank, nach einem Leben voll musikalischer 111