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Das Zelt · 1924-03-01 · Heft 3 (März 1924) · p. Seite 105

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Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 3 (März 1924)
Date
1924-03-01
Page
Seite 105 (sequence 33)
Language
German
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PROZESSOR SIGMUND TREUD Sexualität und der sich daraus ergebenden seelischen Konflikte der Kinderzeit. Der Traum erwies sich auf diesem Wege als die via regia zur Erforschung des Unbewußten: die stärksten und heimlichsten Wünsche werden in entstellter und vielfach urnge^ arbeiteter Art in unseren Träumen erfüllt: Wer sich nicht scheut ein schwieriges, wissenschaftliches Werk zu studieren <»Die Traumdeutung«) und die eigenen Träume nachprüft, wird finden, welche Bedeutung dem Traume in unserem Seelenleben einzuräumen ist. Besonders wichtig erscheint die große Rolle, welche Eindrücke frühester Kindheit im Traume spielen. Es läßt sich dank der psychoanalytischen Methode die infantile Wurzel jedes Traumes aus* graben, so daß man zeigen kann, wie im Traume längst vergessene Kinderwünsche fortleben. Unter den Darstellungsmitteln des Traumes beansprucht eine bestimmte Symbolik, welche namentlich für sexuelles Material verwendet wird, ein besonderes Interesse. Die Psychoanalyse hat dieselben Symbole auch im Mythos, im Märchen, in der Dichtung und im Witz aufdecken können und hier wie dort ihren verborgenen Sinn ins Bewußtsein gehoben. Nicht nur die einzelnen Elemente des Traumes, sondern auch die kleinen Fehlleistungen des Alltags, wie das Vergessen, Versprechen, Verlesen und Ver* schreiben sind psychologisch determiniert. Ebenso die allgemein als bedeutungslos angesehenen Symptome und Zufallshandlungen, wie z. B. das Spielen mit Gegenständen, bestimmte Gesten und Hantierungen. Auch diesen Fehl- und Symptomhandlungen mußte die Psychoanalyse einen Sinn zuschreiben. Sie stellen sich als unbeabsichtigter Selbstverrat unbewußter Impulse und Absichten dar, welche ebenso wie die Träume und Neurosensymptome verdrängten Wünschen entstammen. Es .muß betont werden, daß die Analyse der Fehlleistungen des Alltagslebens ebenso wie die der Träume nicht nur zu therapeutischen Zwedten herangezogen wurde, sondern daß die Analyse bei Gesunden zu den ausgezeichnetsten Mitteln der Erkenntnis unbewußter Seelenvorgänge gehört. Die psycho* analytische Technik weist in diesen bisher nicht gewürdigten seelischen Phänomenen nicht nur Sinn und Zusammenhang nach, sondern deckt auch ihre — immer mehrfache — unbewußte Motivierung auf. Als Treud seine neuen Forschungsresultate in der Wiener Fachvereinigung vortrug, bildete sich eisiges Schweigen um ihn. Er mußte, je später, um so tiefer erkennen, daß Behauptungen über die Rolle der Sexualität in der Ätiologie der Neurosen anders behandelt werden als sonstige wissenschaftliche Behauptungen. Er hatte nach Hebbels Ausdruck »am Schlaf der Welt gerührt« und durfte nicht erwarten, daß seine Forschung von der Menschheit, deren Eigenliebe sie kränken mußte, freundlich auf* genommen werden würde. Die Geschichte des Widerstandes gegen die Psychoanalyse und der allmählichen Durchsetzung der analytischen Resultate steht noch aus,- sie würde ein kostbares Kapitel der Wissenschaftsgeschichte bilden. Mit einer gei* stigen Energie ohnegleichen, führte Treud seine Forschung, zuerst nur von einer geringen Schüler* schar begleitet, weiter, ohne sich um Angriffe und wenig ernsthafte Glossen seiner Fachgenossen zu kümmern. Er selbst schrieb später: »Da aber meine Überzeugung von der durchschnittlichen Richtigkeit meiner Beobachtungen und Schlußfolge* rungen immer mehr wuchs und mein Zutrauen zu meinem eigenen Urteile sowie mein moralischer Mut nicht eben gering waren, konnte der Ausgang dieser Situation nicht zweifelhaft sein. Ich entschloß mich, zu glauben, daß mir das Glück zugefallen war, besonders bedeutungsvolle Zusammenhänge aufzudecken, und fand mich bereit, das Schicksal auf mich zu nehmen, das mitunter an solches Finden geknüpft ist.« Die Psychoanalyse entwickelte sich zu einer therapeutischen Methode, die "geeignet schien, nicht nur den tiefsten Einblidv in die Entwicklung und den Aufbau neurotischer Erkrankungen zu geben, sondern auch Krankheitsfälle von Hysterie, Zwangsneurose und Phobie zu heilen, denen die Medizin bisher machtlos gegenüberstand. Die neue Wissen* schaff wuchs aber über ihr ursprüngliches Gebiet hinaus und wurde zu einer Tiefenpsychologie, für die es keine Analogie in der Wissenschaft gibt. Sie konnte überall dort, wo man bisher nur Willkür und Unsinn im Seelenleben sah, strengste Ordnung, stetig waltende Gesetze und das Wirken bestimmter seelischer Mechanismen auf* decken. Die Treudscße Methode hat aber nicht nur die Medizin und die Psychologie entscheidend gefördert, sondern auch fruchtbare Gesichtspunkte für viele andere Wissenschaften, wie Mythologie, Religionsgeschichte, Pädagogik, Soziologie und Sprach* Wissenschaften geliefert. Eine ganze Literatur ist entstanden, die sich nur mit den Problemen der Psychoanalyse beschäftigt, eine zahlreiche Schüler* schar, Ärzte und Psychologen in allen Ländern ist bemüht, die Forschungen Trends anzuwenden und weiterzuführen. Treud selbst hat in zahlreichen, von einem klassisch klaren Stil belebten Schriften seine Lehre ausgebaut und in Tiefen des seelischen 105

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